Fliegen und Forschen

Medienmitteilung Berlin/Brugg, 22. Sept. 2006

Achterbahn am Aconcagua


Pilotenteam erforscht gefährliche Luftwirbel


Das Abenteuer lockt, die Wissenschaft ruft. Zusammen sind beide unwiderstehlich. Jedenfalls für vier mutige und erfahrene Segelflieger und Wissenschaftler, die sich der Turbulenzforschung verschrieben haben. Anfang Oktober brechen sie zu einer dreiwöchigen Expedition nach Mendoza am Fuß der argentinischen Anden auf. Sie wollen den wilden Tanz untersuchen, den stürmische Höhenwinde im Lee des höchsten Gipfels der südlichen Hemisphäre, des knapp 7000m hohen Aconcagua, inszenieren. Mit den gewonnenen Erkenntnissen hoffen sie die Vorhersage der gefährlichen Wirbel zu verbessern und damit auch die Flugsicherheit in den betroffenen Gebieten zu erhöhen.

Wo immer stürmische Winde auf hohe Berge treffen, geraten die Luftmassen in Aufruhr. Zum Beispiel bei Föhn in den Alpen. Segelflieger kennen dieses Phänomen, haben gelernt damit umzugehen. Sie wissen, wo sie gnadenlos durchgeschüttelt werden, kennen aber auch die Orte, wo gigantische Aufwinde sie wie im Expresslift bis an den Rand der Troposphäre hoch schleudern. Dieses Wissen wollen die vier Forscher des „Mountain Wave Project" einsetzen, wenn sie im besten Freiluftlabor der Welt, der hohen Kordillere an der Grenze zwischen Chile und Argentinien, die Messflüge planen. Ihr Forschungsflugzeug, der Motorsegler S-10VT der Stemme AG aus (dem brandenburgischen) Strausberg (bei Berlin) ist mit modernsten Instrumenten ausgerüstet.

Das Team baut auf den Erfahrungen auf, die es bei der ersten Expedition 1999 nach San Martin de los Andes im nördlichen Patagonien gesammelt hat. Spektakuläre Langstreckenrekorde im Segelflug waren damals die Ausbeute der intensiven Erkundungsflüge. Klaus Ohlmann, Spezialist im Gebirgssegelflug, schaffte mit der unglaublichen Strecke von 3008 Kilometern den längsten Segelflug aller Zeiten
.

Diesmal soll die Wissenschaft im Vordergrund stehen. Dazu haben die Forscher ihr Operationsgebiet weiter nach Norden verlegt, wo der subtropische Jetstream mit voller Wucht auf die höchsten Gipfel der Anden prallt. Und wo die meistbeflogene Luftstrasse nach Santiago de Chile über das Gebirge führt. Als Gäste der argentinischen Luftwaffe werden sie von deren Stützpunkt auf dem Flughafen Plumerillo bei Mendoza starten. Das Aconcagua-Massiv, Quelle der heimtückischen Wirbel, ist nur 120 Kilometer entfernt.

Mit von der Partie sind neben Klaus Ohlmann der Berliner René Heise vom Geoinformationsdienst der Bundeswehr und der in der Schweiz lebende Physiker Wolf-Dietrich Herold. Neu im Team ist Jörg Hacker, Professor für Flugmeteorologie an der Flinders University in Adelaide, Australien. Er ist ein ausgewiesener Spezialist im Einsatz von Flugzeugen zur Erforschung der Atmosphäre und bringt die moderne Messausrüstung mit.

Streckenrekorde stehen diesmal nicht auf dem Programm. Auch die Höhenbestmarke von 15,5 Kilometern, die Rekordjäger Steve Fossett vor ein paar Wochen im Höhendruckanzug mit einem stark modifizierten Segelflugzeug im Süden Argentiniens aufgestellt hat, wird nur schwer zu übertreffen sein. Unbekannt ist nämlich noch, ob die Aufwinde am Aconcagua überhaupt bis in die Stratosphäre reichen. Aber neue, präzise Einträge von Ort und Stärke der Turbulenzen auf einer Fliegerkarte der Anden wollen sie schon mitbringen und natürlich Gigabytes von Daten, aus denen man mehr über Entstehung und Struktur der gefährlichen Wirbel lernen kann.


Für weitere Auskünfte:
René Heise, Mountain Wave Project,
Rene.Heise@t-online.de

Dr. Wolf-Dietrich Herold, Mountain Wave Project,
Wolf.herold@bluewin.ch

Im Web: www.mountain-wave-project.de

Kontakt für Medien:
Dr. Wolf-Dietrich Herold E-Mail wolf.herold@bluewin.ch
CH5200 Brugg, Schweiz
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