Im Lee der Anden
der volle Wortlaut zwar, aber noch ohne Fotos und Format..
Nach Mendoza werde ich mich darum kümmern, also noch ein bisschen Geduld...

Herausforderung im Lee der ANDEN


Mit dem Mountain Wave Project
auf der Jagd nach grossen Rekorden
und der Suche nach neuen Erkenntnissen



“……Turbulenzen auf unserer Reiseflughöhe von 28 Tausend Fuss, bitte schnallen Sie sich an!“
Ein Rotor so hoch? Instinktiv greife ich nach rechts um die Nikon zu sichern, Als ich stattdessen das Buch meines Nachbarn auf Sitz 21B in der Hand halte, wache ich auf. Ola, vor mir nicht das Vario der Stemme, sondern die Rücklehne eines MD-80 Sitzes. Dann bin ich wohl mit Iberia auf dem Heimflug über den Pyrenäen und nicht mit dem Mountain Wave Project im Lee der Anden!
Auch 20 Stunden nach meinem Aufbruch von San Martin de los Andes wollen mich die Wellen offenbar nicht einfach so ziehen lassen. Eigentlich kein Wunder, hatte das laminare Auf und Ab im Lee der Kordillere südlich von 37º S doch meinen Tagesablauf während der letzten 4 Wochen, meine Träume und Gedanken während des letzten halben Jahres fest im Griff.
Aber Träumen ist jetzt nicht. Während ich mich locker mit Sitz und Jet in das nächste Luftloch fallen lasse, kommt bei meinem Nachbarn der erste Fluch hoch. Nicht viel anders war es mir noch vor gut drei Wochen gegangen, als Klaus, mit der Lust eines Zweitklässlers auf Achterbahn, die Stemme – und mich – in den Rotor hinter dem Vulkan Lanin warf. Nun steht MWP nicht für „mal Wildes probieren“, sondern eben für Mountain Wave Project und so nahmen wir das Rotor-Rodeo nicht nur als unvermeidbare Abwechslung, sondern als projektbezogene Turbulenzforschung. Es war ja eines der wissenschaftlichen Ziele unserer Expedition, die Lage und Intensität von Wellen und zugehörigen Wirbeln zu untersuchen und mit der auslösenden Topographie zu korrelieren.
Ins Rollen gebracht hatten das Projekt aber eher sportliche Ambitionen, der Drang zu neuen Horizonten. Schon vor einigen Jahren erkannten Klaus Ohlmann und René Heise das Potenzial der GPS Logger. Zusammen mit den routinemässig erfassten Wetterdaten müsste man doch die geloggten Steig- und Sinkgebiete der Wellensysteme auf einer Geländedatenbank darstellen und so als Hilfsmittel für die Planung der nächsten Rekordflüge einsetzen können. Im Segelflug erflogene Daten wissenschaftlich aufbereiten und damit optimierte Ansätze zu Routenwahl und Flugtaktik ermöglichen – das versprach eine spannende Wechselwirkung zwischen Fliegen und Forschen, für die sich die fliegenden OSTIV Wissenschaftler sofort begeisterten. Bei ihren Meetings in Kärnten (´97) und Südfrankreich (´98) wurde schon eifrig geübt, geloggt und diskutiert. Die Sache schien vielversprechend, hatte doch Hermann Trimmel von einem Flug in Serres/Südfrankreich ein Log mehrerer Traversen der Lure-Welle in Höhen zwischen 1500m und 6000m mitgebracht, das sich zusammen mit den Wetterdaten zu einem sehr instruktiven Bild der Wellenströmung an diesem Tag zusammenfügen liess.
Als wir dann den begeisterten Bericht von Klaus über die Wellenfliegerei im Lee der Anden lasen, sprang bei René der Funken über: warum nicht das Meteo-Knowhow der OSTIV mit der fliegerischen Gebirgsflugerfahrung von Klaus zusammenbringen und mit einer kleinen, hochmotivierten Gruppe eine Expedition nach Argentinien starten, die sowohl sportliche als auch wissenschaftliche Ziele verfolgt?
Vollends in overdrive wurde gerastet, als uns Dr. Stemme ein Faible für Wissenschaft und Forschung gestand und versprach, uns eine S10VT zur Verfügung zu stellen. Jetzt hatten wir den Joker gezogen. Die Turbo-Stemme bietet mit ihrer Steigleistung, Reisegeschwindigkeit und Reichweite die Flexibilität, um Rekord- oder Messflüge auch weit von der homebase zu starten. Mit ihrer ausgezeichneten Segelflugleistung würde sie vorallem den Langstreckenflügen auf Wellenniveau zu extra speed verhelfen.
Das Team hatte sich dann schnell gefunden: Klaus Ohlmann würde als Weltklasse-Wellenspezialist neben seiner Anden-Erfahrung auch den Drive zu neuen Rekorden mitbringen und René Heise hatte sich schon bei der Beratung der Nationalmannschaft den Ruf erworben, die entscheidenden Nuancen in den Wetterdaten optimal zu interpretieren. Martin Just konnte als Stemme Ingenieur die S10VT effizient für die Wellenfliegerei vorbereiten und technisch betreuen und Carsten Lindemann steuerte via FU Berlin die hardware für die wissenschaftlichen Messungen und wichtige Erfahrungen beim Aus-spionieren von Wellen bei. Schon vor einem Jahr hatte ich mit einer S10 eine 6 wöchige Wellenmesskampagne in Colorado, damals jedoch in thermischen Wellen, durchgeführt und war gespannt darauf mit der Stemme nun auch Leewellen zu untersuchen. Etwas später stiess dann noch Michael Meyn als Sauerstoff-Experte und Allround-Techniker zum Team. Anfang Juni traf sich die Kernmannschaft mit Dr. Stemme in Lüsse zum Inaugurationsmeeting. In knapp 5 Monaten sollte es losgehen – jetzt hiess es wirklich Ärmel aufkrempeln und anpacken. Heute noch bin ich erstaunt – und beeindruckt - was wir alles so schnell hingekriegt haben. Da war einmal die ganze chose mit dem Wetter. Von Klaus wussten wir ja wie wichtig das sein würde. Als wir mit Hilfe des Aeroclubs von San Martin vor Ort eine Verbindung zum lokalen Server hingebastelt hatten, lief alles wie am Schnürchen: das ‘Amt’ aka Geophysikalischer Beratungsdienst der Bundeswehr schickte uns frisch gerechnete Wind-, Druck- und Feuchteprognosen und der DWD hatte uns extra eine pc-met Seite eingerichtet, auf der wir die aktuellen Beobachtungen der argentinischen und chilenischen Stationen abrufen konnten.
Martin hatte inzwischen sein Überstundenkonto bei Stemme durch die unzähligen Modifikationen an der Werks-S10 gesprengt, und auch das zahlte sich aus. An uns selbst wollten wir ebenfalls noch etwas arbeiten: dank guter Kontakte zu Ulf Merbold gelang es uns einen „Sauerstoff-Tag“ bei der DLR in Köln-Porz zu organisieren, bei dem wir nicht nur unseren individuellen Sauerstoff-Metabolismus und unsere Ausrüstung in der Unterdruckkammer testen konnten, sondern auch durch Ulf, Fliegerarzt Jürgen Knüppel und Dr. Wenzel von der DLR eine konzentrierte Übersicht der Höhenphysiologie bekamen. Blieb noch alles, was sich irgendwie unter PR einordnen lässt. Infomaterial musste zusammengestellt, Faltblätter in mehreren Sprachen getextet und designed und die Beschriftungsfolien für Hänger und Flugzeug hergestellt werden. Auch sollte das Projekt beim OSTIV-Kongress in Bayreuth vorgestellt und beim Segelfliegertag in Hannover vorgetragen werden. Parallel dazu lief die Vorbereitung unserer Web-seite
www.mountain-wave-project.de
Dafür hatte René die Firma ifos gewonnen, die uns auch eine Argentinien-Version ihres flight-planners zusammenstellte, sodass wir – noch bevor die Piloten geduscht hatten – ihre Schilderung von unglaublich tiefen Tiefpunkten und phantastisch hohen Geschwindigkeiten anhand der Flugwegdarstellung überrprüfen konnten.
Und dann war es plötzlich höchste Zeit Richtung Pampa abzureisen.
„Chos Malal, wir kommen wieder“, hatte Klaus vor knapp einem Jahr an dieser Stelle geschrieben – inzwischen hatten wir leicht umdisponiert. Statistisch gesehen war weiter im Süden mit stärkerem und häufigerem Wind zu rechnen und touristisch versprach San Martin de los Andes mit dem gut ausgebauten Flugplatz Chapelco 20 km östlich und seiner traumhaften Lage am Tor zu den grossen Nationalparks nicht nur eine logistisch einfachere Durchführung des Projekts, sondern auch eine kultiviertere Umgebung für die jeweilige Bodencrew. Zwischenstop war aber erstmal dort, wo etwa ein Drittel aller Argentinier lebt, Buenos Aires. Dort sollte auch unser Flieger an Land gehen, was er mit immerhin zweiwöchiger Verspätung auch tat. Und hätten unsere argentinischen Fliegerfreunde Rolf Hossinger und Alois Urbancic nicht Martin, Klaus und die Zollpapiere durch die wichtigen Stempelstuben geschleust und dabei fast 1000 Stadtkilometer abgespult, würden sie wohl heute noch zwischen Hafen, Botschaft und Spedition hin und her rasen. Überhaupt, was hätten wir ohne Netzwerk gemacht! Nein, nicht das mit username und password, sondern das mit Hallo, ¡Hola! und ¿que tal? Als ich am 9. November in San Martin ankam, nach einer 26 stündigen Reise so pünktlich, wie das selbst die Züricher S-Bahn an einem Sonntag Morgen nicht schafft, beteten mir René und Michael die ganze Litanei von Hindernissen runter, die alte und neue Freunde und Bekannte für uns schon aus dem Weg geräumt hatten: autoricación für Flugzeug und los pilotos extranjeros, Mietwagen, Unterkunft, Internet Anschluss, usw, usw, Ich konnte mich buchstäblich ins gemachte Nest setzten und lokalen Dialekt, zarte Steaks, weiten Himmel und klare Luft auf mich wirken lassen. 24 Std. Später war mir klar, wir hatten gut gezielt und voll getroffen. Angefangen bei unseren Gastgebern Claudia und Gustavo mit ihrer familiär betriebenen Hosteria über el jefe de aeropuerto Señor Gonzales und „seinem“ Chapelco mit der 2,5km langen Bahn, die genau im Wind lag, bis hinauf zum Himmel, der sein dunkles Blau zur Begrüssung mit vielversprechenden Lentistrukturen garniert hatte: hier lag MWP genau richtig. Nun fehlte nur noch der Flieger – und der kam um SS + 25min. Klaus und Martin hatten 1400km auf 4 Müssli-Riegel verteilt und wollten jetzt erstmal ein Bier. Morgen konnte es also losgehen. Der Wind blies – und die Journalistinnen warteten. Bevor Martin und ich uns in die Lüfte schwingen konnten, mussten wir erst noch die lokale Medienneugier befriedigen; das Projekt der pilotos alemanos an ihrem Himmel war der Banduria und Channel 11 ein feature wert. 8 St. später hatten fast alle ihren Chapelco-Erstflug absolviert. Martin und ich genossen in einer schwache Wellen auf 4,5km den Überblick, während Klaus und René im bodennahen Konturenflug – immer im Gleitbereich eines tragenden Hanges - sich mehr für die Details der Szenerie interessierten. Alle waren beeindruckt von der phantastischen Landschaft, den tiefblauen, fjord-ähnlichen Seen, den bewaldeten Bergketten, auf deren Süd(!)flanken überall noch Schneefelder für unerwarteten Kontrast sorgten.
Nachdem der erste Flug Klaus an die Höhepunkte seiner letzten Andentour erinnert hatte, war es nur zu verständlich, dass sein Tatendrang kaum zu bremsen war. Den folgenden Tag, den 12.11., wollte er mit einem Frühstart zu einem Erkundungsflug nach Süden maximal nutzen. Um 1/2 6 klingelten die Wecker, um 8:15 hob die Stemme ab. Offenbar gab´s im Bereich Flugvorbereitung noch jede Menge Übungsbedarf. Nicht nur dort! Wie wir am Abend von unseren Piloten hörten, bereitete ihnen auch das Finden der schwachen Wellen, das Anfliegen des richtigen Hanges, schliesslich sogar der Betrieb des Rotax unerwartete Anfangsschwierigkeiten. Hier „….war alles doch ein bisschen anders als am Parcour in den Seealpen!“, dort hatte das Öl einen Knick in der Leitung, sodass sie kurzerhand in Bariloche International landeten, wo Bordingenieur Michael den Schlauch wieder geradelegte.
Am Nachmittag waren auch ASH und Nimbus der Gruppe von Diether Memmert eingeflogen. Zusammen mit unseren neuen Freunden, den 3+1 Deutsch-Brasilianern um Karl Voetsch aus Sao Paolo, logierte nun eine stattliche 12-köpfige Fliegertruppe bei Claudia, die ihren Frühstückssaal spontan zum Briefingroom umrüstete, sodass ein paar Vormittage später Klaus seine Anden-Erfahrungen und –Empfehlungen an die versammelte Mannschaft weitergeben konnte. Mit Carsten Lindemann und seinen Messgeräten war nun das MWP Team samt Ausrüstung komplett. In den folgenden Tagen sollten bei Verdacht - oder Hoffnung – auf Welle weitere Aufklärungsflüge durchgeführt werden. Nun sind Wunsch und Hoffnung eng befreundet, so eng, dass sie unser optimistischer, rekord-hungriger Wellenspezialist nicht immer auseinanderhalten konnte – und so flog die Stemme recht eifrig. Zu aller Nutzen, konnten wir uns doch dadurch auch besser auf die Beurteilung von Wetterabläufen und die optimale Wahl von Abflugpunkten und Routen einschiessen.
Hatte der Wind mal dicke Wolken über die Hosteria geschoben ging es etwas relaxter zu und wir nutzten die Zeit um die Sensoren für Feuchte, Temperatur, Druck und Wind, sowie den zugehörigen Datenlogger einzubauen. Draussen am Flugplatz liessen wir uns dann oft von den durch die Föhnlücke sichtbaren Wellenansätzen zu abendlichen Test- und Messflügen verführen. Und dabei fanden wir fast jedesmal ein markantes Aufwindfeld nur wenige Kilometer westlich der RWY24. Offenbar trafen dort die in 2 Tälern etwa 20km westlich kanalisierten Strömungen aufeinander und halfen sehr lokal und zuverlässig dem Hausrotor oder –bart auf die Sprünge. Ein Phänomen, welches wir später noch genauer untersuchen wollten. Auch andere lokale Besonderheiten fielen uns auf, so z.B. die Brise aus der „falschen“ Richtung. Anscheinend ging an einem Thermiktag die Konvektion draussen in der Pampa ganz anders zur Sache als in den feuchten Bergen. Dort im Osten standen die ersten Cumuli manchmal schon um 9, dort stieg die Basis auf über 41/2 Tausend und dort sah man oft auch die schönsten Aufreihungen entlang einer sich aufbauenden, markanten Konvergenz. Und dorthin blies auch der thermisch induzierte Wind, die schwächlichen Bärte über den Anden konnten dagegen garnichts ausrichten. An zwei Tagen beobachteten wir sogar Südost-Stau. So hatten wir fast alles erlebt, nur auf die erhofften Starkwindlagen mit den Monsterwellen warteten wir immer noch. Das Bergfest mit dem von amigos volantes Miguel und Marcello fachmännisch beschickten Grill kam und ging und ausser ein paar läppischen 6- und 7 Hundertern, ein bisschen Welle-light, meist Hangwind und Thermik, hatten wir noch nichts im Kasten, resp. Logger. Klar, die Flüge in dieser Region waren spannend und abwechslungsreich. Nach dem Start fand man meist eine schwache Morgenwelle, die der Chapelco, der 8000ft hohe Ski-Berg von San Martin und Taufpate des Fluplatzes, nur wenige Kilometer südlich anregte. Je nach Laune der Wellenfee und Geduld der Piloten ging´s dann mehr oder weniger hoch, bevor man sich thermisch und dynamisch über die ersten Bergketten nach Süden mogelte um den nächsten hot spot im Lee der Manzano´s anzusteuern. Dort musste man dann anständig Höhe machen, um mit Aussicht auf Anschluss über das breite Becken von Bariloche zu kommen. Hier zahlten sich die „Übungsflüge“ aus – wir wussten, wo wir suchen mussten. Und interessanterweise fanden wir auch bei wenig Wind an den markierten Punkten meist eine schwache Welle. Der Umkehrpunkt im Süden war meist vom Wunsch definiert, es am Abend noch zurück nach hause zu schaffen. Bis auf einmal hat das auch immer funktioniert. Vor der Landung gab´s dann meist noch einen Abstecher zum Vulkan Lanin, der in Silber-C Distanz mit seinem vereisten Gipfel alles um 1000m überragte. Eine kleine Welle, ein unerwarteter Rotor oder einfach die spektakuläre Aussicht auf die oft durch Wolken visualisierte 3D Um- oder Überströmung des nahezu perfekten Kegels war wenigstens eine schwache Kompensation für den Endanflug ohne Rekord-Log. Auch beim Schlummertrunk an der Bar der Hosteria drehte sich das Gespräch um die Frage, wie man wohl die Windgötter zu mehr Kooperation animieren könnte. Mangels Jungfrauen einigte man sich auf ein Meteorologen-Opfer. Die Abreise René´s am nächsten Tag könnte man sicher entsprechend verkaufen.
Und tatsächlich, kaum war unser forecaster entschwunden, begannen die Wolken wieder zu ziehen. Als Martin und Klaus am 26.11. um 20:00 nach 9 Std, Flug zum Abstellplatz gerollt kamen, liess das vereinte Grinsen Erfolg ahnen. Betont beherrscht brachte Klaus noch: „…freier Zielrück, etwas über 1040km, längster Flug in Argentinien“ heraus, bevor beide losjohlten und das Schulterklopfen begann. Na also!
Auch für den 27.11. sah es nochmal gut aus, zumindest nach Ansicht des „Amtes“ – und da war ich dran.
Schon um 9:15 richteten wir nach einem Bilderbuchstart die Nase der S10 nach Süden. In Riesenschritten ging´s voran, bis uns kurz vor Esquel die geschlossene Wolkendecke und erste Schauer aus der aufziehenden Front zur Vollbremsung zwangen. Also umgedreht und mit Karacho nach Norden, Abgesehen von einem Kunstfehler, der uns nochmal ins Land von Thermik und Rotoren drückte, rauschten wir in 5-7km Höhe bis in die Gegend von Chos Malal. In 320km Entfernung zu San Martin wendeten wir. Der Heimflug wurde dann nochmal richtig spannend. Ein unerwarteter Rotor half uns beim kritischen Anflug auf eine Superlenti, die uns genügend hochschoss um den optimalen Anflugweg auf Chapelco durch die Wolkenwand der hereindrückenden feuchten Kaltluft wählen zu können. Als wir ausrollten stoppte der Kilometerzähler bei 1220 – wow, was für ein Flug!
Es was aber auch höchste Zeit, ging doch die IOP, die intensive operation period, des MWP rasch ihrem Ende entgegen. René und Michael waren schon abgereist, Martin war morgen dran. Ganz beruhigt konnte er die erste Etappe mit Bus nach Bariloche antreten, hatte er doch nur gute Nachrichten für Stemme im Gepäck. 2 Flüge deutlich über der magischen 1000er Marke und mehr als 100 Stunden ohne Probleme, da durften die Strausberger schon ein wenig stolz sein und unsere erste Runde Applaus und Dankeschön entgegennehmen Dann folgten zwei Ruhetage, in denen wir langsam von Rekord auf Wissenschaft umschalteten. Die Atmosphäre musste erstmal wieder Luft holen. Am 1. Dezember nahmen Carsten und ich uns den Hausrotor und das Strömungsfeld im Lee des Chapelco vor. Ersterer liess uns auch diesmal nicht im Stich, wellenmässig tat sich dagegen kaum etwas. Tagsdarauf setzten wir die Messreihe fort. Diesmal hatten wir die Tanks gefüllt, wir wollten soweit nach Süden bis sich etwas regte. Zu unserem Erstaunen genügten 15kt auf 3000m um eine Schwingung mit ca 2m/s anzuregen. Wir flogen einige Traversen und machten uns wieder auf den 150km-Rückflug. Für morgen hatte René aus dem fernen Berlin nochmal Wellenwarnung gegeben und da wollten wir gut vorbereitet und zeitig(?) in die Kojen.
Punkt 4 gingen dann am nächsten Morgen in der Hosteria die Sirenen los. Die Szene am Frühstückstisch glich mehr einem Bühnenbild eines surrealen Theater als der einer Wellenexpedition. Da sassen Helfer und Piloten in den seltensten Kombinationen von Pyjama, aerobic-outfit und Schiunterwäsche bei Müssli und Marmelade, einer hatte sich sogar schon die Fliegermütze übergestülpt und rührte, noch halb im unvollendeten Traum, mit dem Handschuh im Kaffee. Die Monsterwelle forderte ihrne Tribut. Klaus und ich waren nach einer last-minute Umprogrammierung des Loggers um 6 als letzte auf dem Flugplatz. Wie gemalt standen im Lee des Chapelco 2 rote Lentis in der Morgendämmerung. Wenn das nichts wird!? Als wir endlich um Viertel vor sieben starteten, meldete sich Reinhard Schramme mit dem Nimbus schon in 2500m unter der Lenti. 30 Minuten später unser 2. Versuch, zu tief hatten wir im Lee gesucht und nichts gefunden. Und auch jetzt wurde unsere Geduld auf eine harte Probe gestellt. Ganz gemächlich ging´s nach oben – nach Monsterwelle, geschweige denn nach Rekordwetter, sah das überhaupt nicht aus. Die ersten 150km waren ziemlich mühsam und nach den zweiten 150km war´s schon zu Ende: ab Esquel war wieder mal alles dicht. Wir flogen ziemlich enttäuscht und einigermassen entspannt zurück und um 2 stand die Stemme schon wieder bereit für die nächste science mission. Carsten und Klaus trieben sich 5 Stunden lang in den Wellensystemen der Umgebung herum und brachten megabytes von interessanten Daten mit. Bis zu 5 Schwingungen hatten sie bei einem 100km langen Schnittflug durch die Chapelco-Welle gefunden. Kurz nach ihnen schwebte Reinhard herein, er musste auch kurz nach Esquel wenden und hatte dann sein freies 1150km Dreieck im Nordosten fertig geflogen. Da kam die asado Grillparty am Flugplatz gerade recht. Alle Beteiligten hatten sich eingefunden und einmal mehr wurde uns bewusst, mit welcher Freundschaft und Hilfsbereitschaft wir hier aufgenommen worden waren. Am nächsten Tag war bis auf 1200m herunter Schnee gefallen - Prolog für eine Rückseite, die uns die thermischen Qualitäten der Region nochmal dramatisch vorführte. War der 2. Advent noch ein durchschnittlicher Thermiktag, so zeigte der 6. Dezember, wie hier die Post richtig abgeht. Mit Mauro, unserer polyvalenten Ein-Mann Bodencrew vom Club in America, liess ich die Stemme mal wieder richtig in der Thermik toben. Über 6m/s sahen wir auf dem Integrator und unter den Aufreihungen in 4000m ging´s streckenweise fast so gut wie auf der Lenti-Autobahn. Auch Karl Schleicher war begeistert und flog mit seinem Nimbus nur so zum Spass über 1000km.
Und das war´s dann auch für mich. Als Vorletzter des MWP Teams machte ich mich am 7.12. auf den Heimweg. Klaus würde sicher noch auf der Lauer liegen und gespannt auf die Wellenwarnung aus Berlin warten. Und der interkontinentale Weckauftrag funktionierte! Am 13.(!) Dezember gelang ihm ein freier Zielrück über 1406km, kurz darauf dito zur nächsten Estanzia, ein paar Kilometer weiter. Dort muss er wohl den unwiderstehlichen Gesang der Sirenen von Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, gehört haben, denn am 16.12. zieht´s ihn und die Stemme nach Feuerland: 1550km freier Streckenflug! Das final maravilloso von MWP ´99 und gleichzeitig ein gewaltiger Motivationsschub für das Team, jetzt an die Auswertung unserer Daten und dann an das Planen der nächsten Episoden im globalen Erforschen von Wellen und Rotoren zu gehen.

Wolf-Dietrich Herold





Ausführlicherer Flugbericht vom 27.11.

Der erste Eindruck vom Morgenhimmel liess uns noch zweifeln, erst nachdem Claudias Kaffee für Durchblick gesorgt hatte, war alles klar – nichts wie los. Als wir um 8 am Flugplatz ankamen, waren die Frühaufsteher in ASH und Nimbus schon in der Luft. Aber was wir am Boden vertrödelt hatten, holten wir in der Luft schnell wieder auf: Bilderbuchstart! Einsteigen in den Hausrotor, umsteigen in den Chapelco Lift und in 4000m die Nase nach Süden drehen und loszischen. Nach kurzem Zwischenstop springen wir auf die bewährte Manzano-Leiter. Mit 4m/s klettern wir an dem Lenti-Burger hoch, wie ein extra dicker BigMac sieht die Wolke mit ihren vielen Schichten aus. Beim Abflug in 5km bietet sich uns ein phantastisches Bild: wie Wachtürme einer Festung stehen die dicken Lentis aufgereiht vor der milchigen Bewölkung der hereindrückenden Front. Südlich der Sierra de la Ventana suchen wir uns die fetteste Wolkenwurst aus und brausen an ihrer Luvseite entlang nach Süden. Ab und zu ein Fotostop und wenn das Vario beim hohen C angekommen ist ein paar Kreise, um mit der Höhe auch den Überblick Richtung Voraus zu gewinnen. Es wird langsam dichter. Zwar könnten wir nach Osten ausweichen, entschliessen uns aber bei km 300, kurz vor Esquel und den ersten Schauern, zu wenden. Mit einer leichten Rückenwindkomponente stürmt die Tango Echo noch ungezügelter los, 300km/h groundspeed lesen wir öfters auf dem Display. Nur um ab und zu „den Lift zu testen“ ziehen wir die Fahrt raus, stellen die Nase in den Wind und warten bis wir wenigstens mal kurz 5m/s auf dem Vario sehen. Nach gut 4 Stunden sind wir schon wieder bis auf 40km an San Martin heran, haben uns allerdings zu einem Umweg verleiten lassen. Dieser Kunstfehler kostet uns mehr als eine halbe Stunde und zwingt uns, in Taumelbärten und Pseudorotoren um den Wiedereinstieg in die obere, schnellere Spur zu kämpfen. Um 14 Uhr liegen wir wieder voll im Trend: auf Flight Level 200, mit 180 am Stau, Kurs Nord. Nun sind es einzelne Wellen, die wir gezielt anfliegen: im Lee der Catan Lil Berge, die nächste bei Las Lajas und dann das Tal von Loncopue hoch. Als Chos Malal querab im Osten liegt, presst Klaus, halb fordernd, halb fragend :“ Ich glaube, wir sollten eine Zwölf vor die zwei Nullen machen“ unter der Sauerstoffmaske hervor. In 6 1/2 Tausend bei 150km/h und 1m/s Steigen ist das eine rhetorische Frage und bei km 315 von – oder nach – San Martin setzen wir wieder Südkurs. Die nächsten 150km laufen nach bewährtem Muster ab, um einen grösseren Aktionsradius zu bekommen steigen wir langsam auf 8000m. Gute Idee, denn der Anflug auf die Lenti am Südeck der Catan Lil zieht sich in die Länge. Auf 4000m, bei 2m/s Sinken, wird´s ruhig im Cockpit – wer weiss, wie weit die Welle noch weg ist! Da plötzlich bockt der Flieger, das Vario und der rechte Flügel fallen ins Bodenlose. Noch bevor sich das Audio zu einem Ton entschliessen kann, singen wir schon los: „ ein Roootor, ein Rootor…“ Klaus hat die Orientierung nicht verloren und zwingt die Stemme mit ein paar Steilkreisen in die Steigzone. 5 Minuten später und 10km weiter scherzen wir schon wieder über die erotischen Formen der Wolke, die uns mit sechs Komma drei nach oben zieht. Wir müssen jetzt allerdings auch Dampf machen, Von Reinhard kam die Meldung, dass die feuchte Luft nun auch in das Tal von San Martin schwappt. Noch 129km. Bei km 50 beginnt die Wolkenreise durch tiefe Canyons, vorbei an zackigen Gipfeln, immer wieder blitzen die Abflüsse der Seen die Reflexionen der tiefstehenden Sonne zu uns herauf und deuten so auf zahlreiche grosse Lücken im weissen Gebirge. Als wir 20km vor Chapelco unter die Basis tauchen, müssen wir uns erst an das dunkle, gespenstische Licht gewöhnen. Im kurzen downwind spüren wir die 35 Knoten, die auf der Bahn stehen. Als die Stemme ausrollt bleibt der Kilometerzähler auf 1222 stehen – wow, was für ein Flug!
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