Zehn kleine Negerlein..
...das Kinderlied kommt mir in den Sinn.

Jeden Tag werden wir weniger. Die Fernsehleute verschwanden am Dienstag, gestern machten sich die Aussies Jörg und Rudi aus dem Staub und heute abend will Mayor Eduardo Alvarez den Bus zurück nach Cordoba besteigen.
Auch die Lentis sind abgereist, haben sich zumindest zurück gezogen, halten sich vielleicht irgendwo im Süden versteckt. Schade einerseits, denn ich hätte sie gerne nochmal aus der Nähe gesehen, passend andererseits, denn gegen Ende gibt es immer jede Menge zu tun: alle wollen noch Fotos, Eduardo bat um ein paar Video-sequenzen für die Fuerza Aerea Party nach unserer Abreise am Samstag und Klaus muss seinen Stemme-Haushalt einsammeln und verpacken.

Am Donnerstag nachmittag steige ich zum letzten Flug von "Operation Mendoza 2006" zu Klaus ins Cockpit. Grosse Höhen erwarten wir nicht. Grosse Höhen, das sind hier mehr als 8000 m. Anstatt Winddynamik beherrscht heute Thermodynamik den Himmel.

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Trotzdem haben wir dieselben Schwierigkeiten hoch zu kommen wie bei meinem ersten Flug vor zwei Wochen. In nur 3-400m Grund über eine weite, leicht nach Nordwesten abfallende Hochebene? nee, zu riskant. Immer wieder haben uns die scheinbar aus dem Nichts herabstürzenden Abwinde von mehr als 5 m/s überrascht. Der Rotax muss uns hier zu den hohen Wolken bringen. Auf knappe 6000m schätzen wir ihre Basis; die faule Luft, die von der Pampa an die Vorberge zieht, kondensiert schon bei knapp 3000m

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In 4500m Höhe folgen wir einer Konvergenzlinie - wo die wohl herkommt?? - und steigen auf knapp 6000m. In Colorado konnte ich aus dieser Höhe bequem auf die höchsten Gipfel der Rockies herunterschauen, hier wird's einem da immer wieder mulmig, weil man den nächsten Grat auf Augenhöhe vor sich hat.
Der Anflug auf die Cordillera de Tigre sorgt für den obligatorischen Adrenalinstoss. Gnadenlos spült uns ein hinterlistiges Abwindfeld an die Flanken der Bergkette. Hangflug, aber wo? Jeder Hang trägt auf einer anderen Seite, mal ist es im vermuteten Lee, mal die Sonnenseite, dann wieder im Schatten - verstehe das wer will, wir jedenfalls nicht. Wir müssen wieder nach Norden aus dieser Mondlandschaft raus - einmal mehr in fallender Luft.
Wie häufige Erfahrung bestätigt, hat das Anspringen des Motors die Atmosphäre überzeugt uns nicht mehr zu ärgern: kaum ist Leistung da, steigt´s auch wieder ohne mit 4-6m/s. Jetzt auf 6000m und dann nach hause ist die Devise.
Ein letztes Mal inszeniert die tiefstehende Sonne phantastische Lichtspiele,

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ein letztes Mal hören wir:" Kilo Kilo Oscar Papa, recibido..", dann rutschen wir den Gleitpfad auf RWY 18 hinunter.

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Unsere erste Pflicht am letzten Tag ist der Abschiedsbesuch beim Commodoro. Rene, Klaus und ich schlüpfen ein letztes Mal in das inzwischen reichlich strapazierte MWP-Mendoza T-shirt und bedanken uns für die engagierte Unterstützung. Etwas überrascht nehmen wir die offizielle Einladung entgegen, nächstes Jahr wieder zu kommen.

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Dann schmust sich Klaus in den ausgebuchen Morgenflug nach Buenos Aires, Rene wundert sich, warum er die Koffer trotz all der abgeladenen Gastgeschenke kaum schliessen kann und ich weiss immer noch nicht, wo mich der Nachtbus nach Neuquen morgen Früh um sieben zum Umsteigen nach San Martin abladen wird.
Vor dem Mittagessen schenken wir Rosita, der guten Seele vom Kasino, das letzte MWP-Poster als Wandschmuck für die Fliegerbar. Wir sprechen den Plan für den Nachmittag mit Rodolfo ab, dann geht es in die letzte Runde. Ich wünsche Rene einen guten Flug, dann kommt el trafico pünktlich um halb fünf und bringt ihn hinüber zum aeropuerto civil. Vier Stunden danach rollt AndesMar coche 711 mit 5 Minuten Verspätung an die plataforma 10. Rodolfo hilft mir beim Einchecken des Gepäcks, eine letzte herzliche Umarmung und ich kann nur noch durch das breite Fenster im Oberdeck winken, sehe, wie der grosse Colonel mit beiden Armen antwortet, dann stürzt sich der Bus in den Freitagabend -Verkehr. Mendoza, Ort der MWP Expedition 2006, verschwindet langsam im Schatten der Anden.
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