Die längsten Tage
Um halb sechs düdelt ein handy, halb sechs !!!
Wer will denn da was von wem und warum so früh?

Ich werde langsam wach und höre die Windows Startsymphonie, was soll bloss all dieser Lärm? Dann erinnere ich mich: Frühstart zum Rekordversuch war ja angesagt. Dreissig Minuten später drängt sich doch tatsächlich die ganze Mannschaft um die Stemme, die Hangartore werden aufgeschoben und die grosse Gelbe färbt den Osthimmel.

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Start um 07:23, Rudi's sorgfältige Vorbereitung von Sauerstoff, Logger, und Kamerahalterung am Vorabend zahlte sich aus: 73 Minuten von Augen auf zu Fahrwerk ein, das war für Klaus ein Rekord - leider der einzige an diesem Tag.
Der Himmel zeigte sich im klarsten Blau und von Wind war am Boden nichts zu spüren, in der Höhe nichts zu sehen. Und Rodolfo lauschte im Funk vergeblich auf die Anfrage der D-KKOP nach Höhenfreigabe für flight level 450, den ersten Hinweis, dass die Stemme auf rekordverdächtiges Niveau geklettert war.

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" nur Gebastel, Gerüttel und Geschüttel.." so der Kommentar von den Piloten nach der Landung. Nach dem Auftanken von Flugzeug und Pilot sollte dann Gerald mit seiner kleinen Kamera nochmal eine Chance für coole shots vom Gebirgsflug in den Anden bekommen.
Ich wollte nach knapp zwei Wochen Aufenthalt im "Headquarter" endlich einen Eindruck von der Nachbarschaft bekommen und machte mich auf zum nächsten Supermarkt. Der Flugplatz Plumerillo liegt etwa 10km von downtown Mendoza entfernt, Wohngebiete reichen sogar noch weiter hinaus. Man musste nur die Stadtautobahn, den Fuerza Aerea (Luftwaffen-) Highway, überqueren, der unmittelbar an der Eingangswache vorbei führte, und schon war man auf der Independencia im Stadtteil Plumerillo, war scheinbar in einer anderen Zeit.
Fiat 1500 und Peugeot 404, die Mittelklasseraketen der Siebziger, schossen über Kreuzungen, Busse, die hier so zahlreich sind wie Rickshas in Kalkutta, kurvten um geparkte Odtimer.

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Am Strassenrand wurde der Grill für das asado pollo, den argentinischen Hühnergrill, angefeuert, in der Werkstatt gegenüber bekam fahrendes Geflügel neuen Gummi angepasst. Stundenlang hätte ich hier mit dokutainment verbringen können...

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Am Sonntag morgen mussten wir dann wieder selbst entertainer spielen: das erste Frühstück sollte nachgestellt, nachgedreht werden. Dann ins Auto gesprungen, an die runway fahren und die Stemme bei der Landung filmen. Auch so eine Geschichte: auf welchem International Airport kommt man schon mal schnell auf 40 Meter an die runway, um den optimalen Hintergrund für eine Startszene ins Bld zu rücken?

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Offenbar hatten sich die controller im Turm schon an unsere Spezialwünsche gewöhnt, hatten wir sie von unserer "Folgsamkeit" überzeugt. Ein Beweis der beinahe freundschaftlichen Zusammenarbeit war auch das lockere: "Kilo Oscar Papa, buenos dias, amigo", mit dem jeweils der erste Funkspruch von Mendoza Ground oder Approach begann.

Eigentlich hätten wir dann eine ausgiebige Siesta machen wollen, war doch für die Nacht der Besuch einer Tango Bar geplant. Es blieb bei der guten Absicht - man ja konnte nicht so einfach weg, irgendwas lief ja immer....

Nur in der Tango Bar, da lief erstmal überhaupt nichts. Unsere Freunde vom Fernsehen hatten mit lokaler Unterstützung eine Reihe von Etablissements recherchiert und waren bei diesem so triste aussehenden Schuppen hängen geblieben. In guten Momenten kam ich mir vor wie in einem Roadmovie, wenn der Kehraus in einem Schunkelschuppen in der Einsamkeit des Wilden Westens gedreht wird. "Paris,Texas" lässt grüssen...
Um halb zwei waren in den Gläsern und Flaschen der ersten Runde noch ein paar Tropfen, auf der Tanzfläche inzwischen ein paar Unerschrockene, aus der Mumien-Generation, wie Rene sich ausdrückte. Der Moment für die go or no-go Entscheidung war gekommen. Da legte die Band los, mehr und mehr Beine folgten dem Rhythmus, Gerald stürzte zwei Gläser Roten und schulterte die Kamera. Er war noch mit Bläsern und Trommlern beschäftigt, als Eduardo die Situation endgültig rettete: aus dem Nichts hatte er die MWP'ler, die schon fast im Phlegma versunken waren, mit Tanzpartnerinnen verkuppelt. Heidi fiel ein Stein vom Herzen, auch diese Szene aus ihrem Drehbuch war im Kasten.
Fotos? nee, Fotos gibt's davon keine, ein bisschen Spannung wollen wir bis zum Sendetermin im nächsten März ja doch aufbauen!
Um 4 Uhr waren wir zurück auf der Base - gut dass am Montag ein Feiertag ist, oder...?

hasta entonces,

Wolf-Dietrich
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