Ungeschützter Verkehr
15/09/08 15:48 Filed in: Segunda Vida
Jeder hier hat sich schon mal darauf eingelassen. Viele treiben es sogar täglich. Kein Wunder, hat man doch an kaum einem anderen Ort soviel Gelegenheit dazu wie in San Martin. Und weil sich alle irgendwie daran gewöhnt haben, gelernt haben damit umzugehen, gibt's auch wenig "Probleme". Trotzdem versuchen Versicherungen tagtäglich mit spots im Radio auf die Gefahren hinzuweisen, geben Ratschläge, wie man sich verhalten soll.
Als ich mich soweit an den lokalen Dialekt gewöhnt hatte, dass ich verstand was der Mann da jeden Morgen im "105.1 Radio de la Montaña" nach dem Schneebericht sagte, traute ich meinen Ohren nicht:
"Verhalten Sie sich verantwortungsbewusst im Verkehr. Wenn Sie an ein Stopp-Schild kommen halten Sie bitte an. Wir raten Ihnen auch vor dem Rotlicht einer Ampel anzuhalten. Dies sind Empfehlungen ihrer Versicherung San Cristobal"
Wie bitte? Soll das heißen, dass andernorts verbindliche Verkehrsregeln hier lediglich Empfehlungen sind? Dass sich das Verhalten auf den Avenidas, Calles und Rutas eher an lokalen Gewohnheiten orientiert? Dass keine Autorität etwa die Vorfahrtsgesetze überwacht und durchsetzt? Dass ich ungeschützt dem teilweise höchst kreativen Fahrstil aller Straßenbenutzer ausgesetzt bin, der Tagesform und -laune von Mann und Maschine (und fairerweise will ich erwähnen: sie auch mir und meinem alten Zweitonner)? Dass es sich hier also um bona fide ungeschützten Verkehr handelt?
In Gedanken fahre ich noch mal durch meine letzte kritische rechts-vor-links-vor-rechts Begegnung in downtown San Martin und da wird mir schlagartig die volle Ironie der Empfehlung von San Cristobal Seguros bewusst: in ganz San Martin gibt es kein Stoppschild, erst recht keine Ampel. Abgesehen von zwei Schildern zur Geschwindigkeitsbegrenzung und je einem Park- und Halteverbot findet man überhaupt keine Verkehrsschilder! Man hält sich stattdessen an überliefertes Gewohnheitsrecht.
Dies erklärt die Avenida San Martin zur Haupt- und Vorfahrtsstraße - zu Recht, gemessen an ihrem Status als Einkaufs- und Verpflegungsmeile. Schon ihre beiden Parallelstraßen je einen Block nördlich und südlich spielen da eindeutig zweite Geige. Meist kann man auch auf Villegas und General Roca durchfahren ohne anzuhalten, denn sie fallen unter Vorfahrtsregel eins:
"zum See" fährt vor "zum Berg".
(Alle Verkehrswege führen hier entweder zum See hin, bzw. vom See weg, oder laufen rechtwinklig dazu und verbinden die beiden Hügelketten, die den Kessel von San Martin im Norden und Süden begrenzen. Regel #1 ist also eine hoch spezialisierte Version des bekannten Rechts-vor-Links Gebots. )
Höchste Bremsbereitschaft ist aber geboten, wenn man auf irgendeiner der Strassen "zum See" die Rivadavia, Elordi oder Colonel Perez kreuzt. Die laufen zwar von Berg zu Berg, sind aber die einzigen, die das per Brücke über den Trabunco auch nonstop hinkriegen. Was ihnen einen speziellen Status im Straßennetz von San Martin sichert.
Unabhängig von lokaler Geographie, näher am Herz, sind Regeln zwei und drei, beziehen sie sich doch auf das Objekt, mit dem man verkehrt:
2) groß fährt vor klein,
3) alt fährt vor neu.
(Bei diesen Regeln gilt: #3 schlägt #2 schlägt #1 !!)
Diese beiden gehören vermutlich zu den Überlebensinstinkten zweiter Ordnung der lateinamerikanischen Verkehrsteilnehmer und werden beinahe automatisch befolgt.
Auch ein Porteño - Einwohner von Buenos Aires (Definition hier, auf Englisch) - wird sich nach den ersten überraschenden Begegnungen darauf eingestellt haben.
Regel #1 ist aber auch er ungeschützt ausgeliefert, wie alle, die zum ersten Mal an den Lago Lacar kommen.
Dass trotz allem selbst in der Hochsaison kaum etwas passiert liegt vor allem an "Überregel" 3.
Ein großer Teil der Vehikel auf dem rechtwinkligen Straßennetz von San Martin ist locker über zwanzig Jahre alt. Ich spreche hier nicht von Oldtimern oder Antiques sondern von mehr als ausgelutschten alten Schesen. Bewegt sich so ein Veteran mit großem Getöse und subtilen Raucheffekten auf eine Kreuzung zu löst das in jedem modernen Gefährt sofort die Notbremse aus, befürchten doch die hoch entwickelten Sensoren bei Berührung den gemeinen Rostfraß oder gar einen üblen mechanischen Virus aufzulesen. Sollte dieses System doch einmal versagen, so garantiert die Schreckreaktion seines Fahrers meist um allzu intimem Kontakt auszuweichen.
Ganz im Gegensatz übrigens zu der anderen Art des ungeschützten Verkehrs, wo die Schreckreaktion immer viel zu spät kommt .