Angekommen, aber wo?
Kein Wunder, bin ich doch in den ersten Tagen kaum mit dem Erleben nachgekommen.
Wo war ich da eigentlich angekommen?
Im Frühling ?
Auf einer Spielwiese des Klimawandels ?
In den frühen Siebzigern?
Das Spektrum der Eindrücke war riesig, kein Wunder, dass es etwas länger dauerte, bis ich sie verarbeitet hatte, sie halbwegs zum ersten Bild meines Wohnsitzes südlich des Equators zusammengesetzt hatte. Klar, ich "kannte" den Ort. Durch die Brille eines Dauer-Aufenthalters sah aber einiges anders aus als durch die eines Besuchers.
Frühling: Die "Bläi", wie die Blütezeit auf gut fränkisch heisst, war zwar schon in vollem Gang, Flieder, Löwenzahn, der eine oder andere Obstbaum und vieles Einheimische blühte schon wild drauf los, die Temperatur liess sich allerdings von ihnen nicht zum Mitmachen animieren. Hin und wieder überraschte ein Tag mit fast vorsommerlicher Wärme und die Sonne, ungestört durch Dunst und Dreck, schaffte es dann rapidamente durch den UV20 Blocker. Aber das sind noch die Ausnahmen und man fragt sich hier schon, ob der primavera dieses Jahr ausfällt.
- - -
Freilich, wenn das Wetter auf schön macht, dann aber mit voller Pulle. Mein zweiter Sonntag war so ein Supertag. Perfektes Timing, denn das war auch der Saisonausklang oben am Cerro Chapelco, dem Skigebiet. Aus Neugier und Lust auf Höhe bin ich rauf gefahren.
Oh well! Die allerletzte Abfahrt, das Sommerwedeln im T-shirt auf dem Gletscher war nie mein Ding. Schifahren ist Wintersport für mich, je mehr Weiss umso besser. Und hier? Das sah alles nach klimaverwandeltem Horrorszenario aus: die einigermassen Unentwegten schlurften in voller Montur mit Ski oder Snowboard unterm Arm durch den eingestaubten Parkplatz zur Poma-Gondel. Die total Unentwegten standen Stunden später plötzlich auf dem letzten Schneefleck hundert Meter oberhalb der Talstation. Wie sie es von dem noch halbwegs weissen Hang ganz oben bis hierher geschafft hatten blieb ein Rätsel.
- - -
Ohne Ski war ich frei für eine andere Sicht der Dinge und konnte meine neuen Objektive ausprobieren.
- - -
Auf der Fahrt zurück muss ich durch einen Zeittunnel gerauscht sein. Plötzlich waren nur noch die Unter- und Mittelklasse-Karren der späten Sechziger und frühen Siebziger auf der Strasse. Nicht die auf Oldtimer zurecht gemachten Concours-Preziosen, nee, die Kisten, die mir da entgegen kamen, konnten ihr Alter nicht verleugnen. Renaults von R4, natürlich mit Spoiler und zwei riesigen Auspuffrohren, bis zum R12 in allen Varianten der Modifikation. Dazwischen ein heisser Fiat 600, ein Ford Taunus und der Hippie-King, ein VW Bus.
- - -
Aber das war ja alles topmodernes Gerät verglichen mit dem hier!
..und der war sogar zu verkaufen!
Für die Wahl meines Autos eröffneten sich da ganz unerwartete Optionen und Erinnerungen an die Autobastel-Weekends während der Studentenzeit wurden wach: kann ich noch die Zündung einstellen, den Vergaser tunen, den Keilriemen wechseln,..??
farewell
The more I put away, the more lies around - the emptier it looks, the more I see - the more I tick off, the more pops up - the longer I work, the more remains to be done - ...
Herakles had a similar problem with the Hydra: for each head he cut off two more grew back !
For my situation, however, his story can't offer a practical solution. In a condo, scorching what's left is likely to create more problems than it solves!
- - -
Instead: one more trip to the dumpster, another load of "keep-it-stuff" to be taken to the studio. And in between: organize the farewell party, cancel the last subscriptions, pay the last ( don't I wish!) bills, put the last laundry in, oh, I almost forgot: pack the suitcases - but then: what do I wear when everything is either stored, packed, disposed off, given away, or in the machine, with the dry cleaners or, unfortunately, lost ?
Sounds just like the chicken and egg problem in reverse: not which was first, but what can go last...
Well, I made it, of course - else I wouldn't be able to write about it.
During the farewell party I was able to hand off most of my 'scheduled' good-bye's personally and collect all wishes for a successful launch of my Argentinian adventure.
- - -
Well, and then it was time to leave.
The gods must have been smiling on me. Just when needed the appropriate angels showed up. The last one, called Andi, appeared at 6am in a Volvo to take me and 150lbs of luggage to the airport.
A last glance to the Swiss sky, which had it written all over: all tracks are heading south !
The idea
popped up while I was visiting old acquaintances.
Claudia and Gustavo had invited me to come down to San Martin de los Andes after our MWP (Mountain Wave Project) Expedition to Mendoza and the Aconcagua region in the fall of 2006 had ended (look for some english pages in my blog there).
Eight years ago our MWP team had stayed with them during our first ground (or "wave"..?) breaking expedition to the Argentinian Andes.
So one Friday evening about a year ago I boarded the overnight coach and rode it down south to northern Patagonia.
The spring sunshine, the scent of fresh blossoms, the cafecito in a chocolateria, after the intense weeks in Mendoza it was the laid back between-the-seasons atmosphere in San Martin, which helped me wind down in a hurry. A clear sky, wide open spaces and vistas invited eyes - and mind - to roam freely.
- - -
During a chat with Claudia and her friends over one more cafe cortado, my thoughts suddenly latched onto an interesting question: how about spending a longer period of time here, at the shores of beautiful Lago Lacar? life is cheaper than back home, the scenery much more spectacular, the sky, well, much more alive. That much was obvious. But there was more: I couldn't get rid of the feeling that life here seemed to be more dynamic, offering more options. I smelled pioneer spirit, became intrigued.
A wild brainstorm kept me awake most of the following night. And the next day I saw my castle in the air, a house, in which I would have loved to live. Dios mio!
- - -
20 hours later I started the 50hr trek back to Switzerland. How long would
this seductive idea, to spent one year, two, or more in San Martin, survive in the daily routine and comfort of my life in Brugg?
60 Stunden mit 70 Kilo
Wenn ich allerdings an die Schlepperei durch das Busterminal in Buenos Aires denke, würde ich vermuten, dass es mindestens 100 kg gewesen sein müssen.
Also gut: ein Koffer mit 23, einer mit 26, macht zusammen schon mal fast 60kg, dann noch die Tasche mit meiner Video-cam, incl. Weitwinkelvorsatz, 2 Batterien, etc. als carry-on und der Rucksack, ich meine das "personal item", mit laptop, der Nikon, ein paar Büchern, dem Spanischlexikon und all dem zusätzlichen Ramsch wie Ladegeräte, Kleingeld, soundsoviel Unzen Trink-und Duftwasser, das leppert sich eben.
100 $ extra hat mich das gekostet, aber nur weil ich via Atlanta geflogen bin, mit Delta. Ohne den Zwischenstopp in USA wäre alles jenseits von einem 20kg-Koffer und einem Rucksack unbezahlbar gewesen. Jaja, das Kleingedruckte...
Und ich muss sagen: Delta hat mich überrascht - positiv! War wirklich ganz ok, vernünftiger Service, ein Fläschchen Roten haben sie uns geschenkt - nee, sogar zwei - weil wir 30Minuten Verspätung beim Abflug hatten. Ist mir jetzt schon zum zweiten mal passiert, das mit der Verspätung (das letzte Mal nach Denver waren es sogar 4 Stunden) und das mit dem Rotwein. Das erstere war mir egal, da ich in ATL sowieso 6 Stunden Wartezeit hatte, das zweite ganz angenehm.
Na gut, für die nette Sitznachbarin konnte Delta wahrscheinlich nichts.
Ziemlich entspannt ging's dann in Atlanta um 8 pm local weiter, Nachtflug nach BsAs. Müde genug war ich, der Malbec - schon wieder gratis! auch wieder wegen irgendwas - hat dann noch etwas nachgeholfen und so konnte ich tatsächlich ein paar Stunden dös-schlafen. Rechtzeitig zum Sonnenaufgang war ich wieder wach.
Rechtzeitig auch, um mir von meinem companero de viaje, einem Zehnkämpfer im argentinischen Leichtathletik-Team, die beste Bank für den ersten Geldwechsel und die billigste Verbindung von Flughafen zum Busbahnhof empfehlen zu lassen.
Läuft ja alles bestens!
- - -
BsAs Retiro Busterminal
Busy buses
Busse sind in Argentinien das populärste und für alle, die sich die First Class im Flieger nicht leisten können, auch das bei weitem komfortabelste Verkehrsmittel. Das hatte ich schon letztes Jahr auf der Fahrt von Mendoza nach San Martin de los Andes gelernt. Dem 20 Std. Trip sah ich also mehr als gelassen entgegen. Ja, ich konnte die Abfahrt kaum erwarten, schliesslich wartete ein "Tutto Letto", ein voll ausfaltbares Liegesitzbett, auf mich.
Pünktlich wie die (Schweizer) Eisenbahn ging's um 16:00 los, 5 Stunden später gab's Abendessen, einen Whisky zum Verdauen und ein Movie zum Einschlafen.
Als ich aufwachte lief schon ein anderer Film - ..?
Moment mal, diese Szene kam mir doch bekannt vor, träume ich etwa noch..? "Diarios de motocicleta", oder so ähnlich hiess das doch. Und die Morgendämmerung, genau wie im Kino!
Nur, oops, das Schlagloch war ungeschönte Realität.
Das Licht über der Pampa allerdings auch.
Kurz vor Mittag waren wir dann - immer noch pünktlich - in San Martin. Knapp 60 Reise Stunden lagen hinter mir. Offenbar war ich aber noch einigermassen fit, sodass es Gustavo nicht schaffte, mich mit seiner herzlich-stürmischen Begrüssungsumarmung in die Knie zu zwingen.
Zuhause hatte Claudia für mich schon eine ihrer cabañas vorbereitet und das Mittagessen auf dem Tisch - ich kam mir fast so vor wie der verlorene Sohn, hatte offenbar meine argentinische Familie (wieder) gefunden.
Abbruch, Abschied und Aufbruch
Je mehr ich wegräume, desto mehr bleibt übrig - je leerer es aussieht, desto mehr steht herum - je mehr ich abhake, desto mehr kommt hinzu - je länger ich arbeite, desto mehr gibt's zu tun - ...
Dem guten Herakles passierte sowas ähnliches mit der Hydra: je mehr Köpfe er abschlug, umso mehr wuchsen nach!
Für meine Situation kann seine Geschichte allerdings keine Lösung anbieten: den Rest auszubrennen schafft in einem 3 Zimmer-Appartment mehr Probleme als es löst!
- - -
Bleibt also nur der nächste trip zur
Abfallmulde, der nächste Transport von "keep-it
stuff" ins Studio. Und dazwischen die Organisation
des Abschieds-Apero, das Kündigen der letzten Abos,
Bezahlen der letzten (denkste !!) Rechnungen, Waschen
der letzten Hemden, ach ja: Koffer packen muss ich
auch noch und wo, womit, wovon lebe ich denn
eigentlich, wenn alles irgendwo verpackt, verstaut,
ver- oder entsorgt und zum Teil auch verloren ist?
Kommt mir vor wie das "Huhn oder Ei" - Problem im
Rückwärtsgang, nicht: was war zuerst da, sondern: was
kann als letztes weg...
Ich hab's geschafft, klar - sonst würde ich jetzt
nicht davon schreiben.
Beim Apero konnte ich die meisten meiner geplanten
good-bye's persönlich an den Mann und die Frau
bringen, all die guten Wünsche für das Gelingen
meines "kleinen Abenteuers" selbst einsammeln.
- - - 
Ja, und dann ging's tatsächlich los!
Die Götter müssen es gut mit mir gemeint haben. Im
richtigen Moment kamen jedenfalls all die Engel, die
ich gebraucht habe. Der letzte hiess Andi und tauchte
kurz nach 6 Uhr morgens auf um mich samt 70kg Gepäck
zum Flughafen zu bringen.
Der letzte Blick an den Schweizer Himmel, der die
Zeichen schon gesetzt hatte: alle Spuren zeigen nach
Süden !
Die Idee
..kam mir bei einem Besuch.
Der Besuch folgte auf eine Einladung.
Die Einladung schickten Bekannte.
Die Bekannten hatte ich vor acht Jahren kennen gelernt.
Vor acht Jahren hatte ich sie nämlich besucht.
So schliessen sich manchmal Kreise.
Am letzten Tag unserer letzten MWP (Mountain Wave Project) Expedition im Herbst 2006 in Mendoza, Argentinien, (die stories dazu hier) setzte ich mich also in den Nachtbus und fuhr nach San Martin de los Andes. Dort hatten wir vor eben acht Jahren die erste MWP Expedition durchgeführt und waren dabei in der Hosteria von Claudia und Gustavo untergekommen. Und als Claudia hörte, dass wir wieder mal im Land sein würden, lud sie mich kurzerhand ein.
Und ich sagte kurzentschlossen zu.
Die Frühlingssonne, der Fliederduft, der cafecito in der chocolateria - nach den aktiv-engagierten Wochen in Mendoza nahm San Martin meiner täglichen Routine erstmal kräftig Wind aus den Segeln. Und schaffte mit seinem blank geputzten Himmel, mit der Weite - und Leere - seiner Landschaft einen Freiraum, in dem nicht nur der Blick, sondern auch die Gedanken unbeschränkt umherschweifen konnten.
- - -
Während einer Kaffeeplauderei mit Claudia und ihren Freunden blieben sie (die Gedanken) urplötzlich bei einer interessanten Frage hängen: warum nicht mal längere Zeit hier bleiben? das Leben ist billiger als zuhause, die Landschaft spektakulärer, der Himmel wilder - das war offensichtlich. Da war aber noch was anderes: ich wurde das Gefühl nicht los, dass hier irgendwie viel mehr möglich sei. Es schmeckte nach Pioniergeist, zumindest schien es meinen zu stimulieren. Es folgte eine lange Nacht wilden brainstorms. Und am nächsten Tag sah ich dann das "Luftschloss", in dem ich nur zu gern residieren würde. Dio mio !
- - -
20 Stunden später begann ich den langen Trek zurück in den Aargau. Ob - und wie lange - würde die verführerische Idee im Brugger Alltag überleben?