letzte beiträge
Jul 2008

week 28

Lago Melinquina,

das Foto der Woche - ausgelöst mehr aus Frustration als aus visueller Inspiration (siehe unten)

A rather frustrating attempt to spend an afternoon walking, hiking between mountains and lakes ended up on the shores of Lago Melinquina.
This picture is special, not so much from a photographic perspective, but rather from an emotional point of view: it was taken out of frustration, disappointment,
taken from one of the rare spots accessible from a road boxed in by miles and miles of fenced-in private property,
taken in pretty much the only direction, in which the view was not obstructed by fences, gates, vacation homes.

Hinter Gittern..

..liegt die Schönheit Argentiniens. So kommt es mir manchmal vor.
Na gut: "hinter Zäunen" ist vielleicht besser. Und das "manchmal" ist eigentlich ein "immer": ich stoße immer dann auf Zäune, wenn ich zu Fuß in der Landschaft herumstrolche. Das ist in letzter Zeit nicht sehr oft vorgekommen, zu viel zu tun, zu viel Regen, zu wenig Impuls - also doch "manchmal". Am Wochenende habe ich's endlich geschafft. Die Sonne kam durch, ein paar "to-do's" waren abgehakt, also nichts wie die Nikon gepackt und raus.
Die Gegend hier ist voller Seen - die Haupt-Straße nach Bariloche heißt "Ruta de siete lagos" und damit sind nur die sieben gemeint, die man vom Auto aus sehen kann. Richtig erkundet habe ich noch keinen davon. Es gibt ja noch andere, die gerade um die Ecke liegen und so den spontanen Entdeckergeist anziehen. Aber heute wollte ich mal die Nachbarschaft verlassen: Lago Melinquina hieß das Ziel, auch nur knapp 30 Kilometer entfernt. Er liegt an einer Alternativ-Route nach Bariloche, die den großen Bogen der "Siete lagos" abkürzt. Streckenmäßig abkürzt. Die Fahrzeit ist um ein ganzes Stück länger. Um wieviel länger hängt vor allem vom persönlichen Risikoverhalten und der Sorge um das eigene Auto ab. Die Straße ist nämlich in Wirklichkeit keine, sondern ein Panzerübungsgelände. Mit Hochgeschwindigkeitspassagen (eben: für Panzer!) und Rütteltests, Bachdurchquerungen und Hindernisparcour. Sehr unterhaltsam! Sie verlangt volle Konzentration, so dass man trotz Kriechgang von den landschaftlichen Schönheiten nicht sehr viel mit bekommt. Nur gerade soviel, dass es links durch Urwald steil zum See runter geht und rechts zu den Gipfeln hinauf. Beides lässt spektakuläre vistas erwarten, wenn man denn mal von der Straße weg käme. Aber da sind die Zäune. Stetiger Begleiter, selten mal unterbrochen von einem Gatter, an dem ein großes Holzschild lehnt. "propiedad privada" ist da eingeschnitzt und "cuidado perros" - Vorsicht Hunde.
Eigentlich bin ich ja hierher gekommen um zu laufen und nicht um meinen Oldtimer einem Härtetest zu unterziehen, aber bis jetzt habe ich nicht einmal eine Möglichkeit gefunden, die Karre zu parken. Meine Frustration wächst. Wir sind ja hier nicht am Genfer See oder Lago Maggiore, an deren Ufer sich die Dörfer reihen und Villen die Zwischenräume besetzt halten. Meine Güte! Hier ist ja alles leer, alles weit und wild und leer!
Aber eben auch fast alles "besessen", im großen Stil.
Mehr als 1,8 Millionen Hektar besitzen reiche Ausländer, ein paar reiche Ausländer, im Süden von Chile und Argentinien, eine Fläche fast halb so groß wie die Schweiz! Sylvester Stallone gehört zu ihnen und Modemacher Luciano Benetton, CNN Gründer Ted Turner und Douglas Tompkins, der von "North Face" und "Esprit". Ihm allein gehören inzwischen mehr als 400 000 Hektar - und hunderte von Kilometern an Zäunen.
Hier am Lago Melinquina sind die Grundstücke kleiner, aber eines grenzt ans andere. Als ich einen Weg erkenne, der zu einer der cabañas am Strand führt, quetsche ich den Ford an den Straßenrand und laufe los.
Zwischen Zäunen schlängeln sich die Furchen nach unten. Plastiktüten hängen in den Büschen, Grüße vom ewigen Wind und dem Anonyma-Supermercado. Je länger ich durch die Halbzivilisation in der Wildnis trotte um so schlechter wird meine Laune. Irgendwie passt hier nichts zusammen. Die Satelliten-Schüssel passt nicht zu dem baufälligen Schuppen, der verschimmelte Wohnwagen nicht zum glasklaren Bach, das protzige Tor nicht zum offenen Gelände. Endlich komme ich zum See. Fünf Meter - oder waren es drei? - entlang jedem Gewässer gehören dem Volk, hat mir mal ein Argentinier erklärt und auf ein Gesetz verwiesen. Aber gilt das bei Hochwasser oder bei Niedrigstand?
Ich folge dem Ufer, in der Hoffnung nun endlich die Natur zu finden, ohne Plastikbottles, Zigarettenschachteln und Glassplittern. Nach 400 Metern ist Schluss. Kein Zaun. Reine Natur. Urwald, Steilküste und Hochwasser treffen sich, das stoppt sogar meinen Querfeldein-Ehrgeiz.
Es ist nicht mein Tag. Ich kämpfe mit meinem Ärger. Schließlich fällt mir eine alte Weisheit ein: "Man ärgert sich ja nicht über eine Person, eine Situation, sondern über sich selbst, weil man mit dieser Person, dieser Situation nicht umgehen kann." Also anders mit der Situation umgehen? die Situation umdrehen? Ich drehe mich mal um, weg vom "Strand", weg vom Barrio der Hütten und Paläste, hinaus auf den See.
Und sehe nur Natur, Weite und Leere, Wasser, Berge und Himmel. Ich greife zur Nikon und drücke ab.

Lago_Meliquina_bw_8920_400

Es wird ein Foto von der Landschaft, das sieht jeder. In meinem Kopf aber wird es zu einem Bild, einem Stimmungsbild. Eines, das mir klar macht, mich immer daran erinnern wird, was es bedeutet die Perspektive zu wechseln. Und wie man damit sich und seinen Blick von Gittern befreit.