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Feb 2010

Another day in Paradise



Nicht nur ein Tag, es waren drei. Und keiner so wie ihn Phil Collins in seinem berühmten Ohrwurm besingt: nichts von Großstadt-Solitüde oder Pflaster-Tristesse.

Es waren vielmehr drei Tage im Kreis einer befreundeten Familie, drei Tage an einem Ort in einer Welt jenseits.

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Jenseits des Flusses, wohin kein Auto findet. Auch keine Stromleitung, kein Handy-Signal, kein Telefondraht. Das Wasser kommt aus dem Berg oder aus dem Fluss, das Brot aus dem Backofen, die Zwetschgen vom Baum.
Zum Nachbarn, fünf Kilometer flussabwärts, kommt man mit dem Pferd, zurück in das Diesseits mit Hilfe von Fidel, dem Mapuche-Indianer, und seinem kleinen Boot, an dem ein 18 PS Außenborder hängt.
Hat der Rio allerdings gerade auf wild geschaltet, dann schaffen es auch 50 Pferde nicht. Man bleibt im Jenseits und freut sich, dass man one more day in paradise erleben darf.

"Nun mal langsam" höre ich da einen spötteln, "paradiesisch mag als Metapher ganz gut funktionieren, aber Du tust ja so als wäre das Land, in dem man riskiert von gebratenen Wachteln erschlagen zu werden, gleich um die Ecke!"

Ach, ihr Spötter und Skeptiker!

Erstens liegt "Las Breñas" tatsächlich gleich um die Ecke, nach argentinischen Maßstäben jedenfalls: keine 120km sind es von San Martin aus, nach nur knapp zwei Stunden auf Asphalt und Waschbrett Richtung Norden bin ich dort.
Und zweitens ist es vor allem eine Sache der (Ein)Bildung und Ansicht, was man als Metapher versteht.

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"Las Breñas" ist nicht der Garten Eden, das verrät schon der Name: "Land zwischen Felsen, voller Gestrüpp", so könnte man Breñas übersetzen. Klingt ziemlich wild, ist es auch - wenigstens auf 99,9 Prozent seiner knapp 2000 Hektar. Gerade das macht für mich einen Teil seines paradiesischen Charakters aus. Natur pur, ohne irgendwelche Modifikationen durch den Menschen. Und so weit weg von allem, dass mich keine Nebeneffekte der Zivilisation stören. Kein Licht einer nahen Stadt, kein Lärm von Verkehr, kein Dunst und Gestank von Fabriken oder Kläranlagen. Und der Himmel leer und weit. Paradies, Teil A.

Teil B hat mit den weniger wilden 0,1 Prozent seiner Fläche zu tun. Genauer gesagt mit einem Stück Land ungefähr 200m lang und 100m breit, das sich wie eine unkomplizierte Mischung aus Country Club, Freigehege und Obstgarten präsentiert.
Ist man nicht gerade in Wanderstiefeln oder Pferdesattel unterwegs lebt man dort.
Im Haupthaus gibt's das Frühstück in einer urigen Küche mit einem großen Herd, der hier cocina economica genannt und mit Holz befeuert wird. Im stattlichen Speisesaal nebenan wird getafelt.

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Getafelt sage ich - und meine ich. Nicht gegessen wie im "El Regional" in San Martin, oder im Frohsinn in Würenlingen. Ich kann mich nur an ein dîner erinnern, das der Genuss-Erfahrung in diesem Ambiente nahe kommt und das gab's am table d'hôte einer Ferme in den Bergen der Haute Provence.
Hat sich der Wind bis zur spätabendlichen Essenszeit - so gegen halb Zehn - gelegt, gibt's im Sommer die halbe Kuh im Freien, gleich neben dem gemauerten Grill, der parilla. Und weil wir im Paradies sind ist auch der Wein vom Feinsten. Dafür garantiert Señor Jorge, der Senior am Tisch und in der Familie. Er ist nicht nur ein Kenner, Liebhaber und Genießer von argentinischem Wein, in seinem Keller lagern auch die besten Flaschen aus den berühmten Bodegas in Mendoza und San Juan.
Als er mir ein Glas Malbec einschenkt zwinkert er mir zu und sagt: " Den trinken sie im Himmel am Sonntag!"
Na dann: "Salud" - Prost !

Paradies, Teile A und B: man spürt sie sofort, sie sind so was wie der erste Eindruck der einen verzaubert kaum dass man angekommen ist, die unerwarteten Erfahrungen, die man macht noch bevor man sich in der ersten Nacht in den Schlafsack kuschelt.

Am zweiten Abend weiß ich genauer warum ich mich hier wie im Paradies fühle:
Ich genieße die Natur, ohne es zu planen, es bewusst zu wollen - es passiert sozusagen ganz natürlich. Ich reite, schwimme, wandere, schaue später in den tiefschwarzen Himmel und sehe Sterne als wäre ich mit Saint-Exupéry auf Nachtflug.
Ich genieße die Köstlichkeiten auf dem Tisch, die mal lockeren, mal interessanten Gespräche und merke nicht einmal, dass es keine der täglichen Sensationsmeldungen bis hierher schafft.

Aber da ist noch mehr Paradiesisches, subtiler in der Wahrnehmung, schwieriger in der Beschreibung. Nach der Siesta bummelte ich den Trampelpfad am Flussufer entlang. Immer weiter, noch zur nächsten Stromschnelle, zum nächsten Bach, der aus einem der kleinen Seitencanyons herunter kam. Hinter jedem Baum, jeder Biegung des Weges sah es anders aus. Das Licht der Spätnachmittagssonne blinzelte auf Zypressen und Robles (eine hier verbreitete Eiche), nichts war zu hören außer dem Knacken der Äste im Wind, dem Rauschen des Flusses. Endlich konnte ich mal einfach so durch die Landschaft tigern. Kein Schild "Propiedad Privada, No Pasar", etc. verbot mir den Zugang. Ich war quasi auf der anderen Seite all dieser Verbote. Die wenigen Gatter und Zäune sollten Pferde und Rinder am Ausbüchsen hindern und nicht Eigentum abgrenzen. Die 'paisaje' war weit offen. Grenzenlos.

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Als ich mir das klar machte blieb ich beim Wort Eigentum hängen.
Ja, tatsächlich, diese Landschaft gehört jemandem. Das Flussufer, die Wälder daneben, die Hügel dahinter. Sogar die paar Bergspitzen, die am Ende eines Seitentals in der Sonne glühten. Soweit ich sehen konnte: alles gehört jemandem.
Unvorstellbar! Wie kann Landschaft jemandem gehören?
Ein Stück Land? ja das schon. Aber die ganze Landschaft? Einem einzigen Eigentümer? Und die dahinter einem anderen?
Ich bekam diesen Gedanken nicht in den Griff. Sobald ich mir vorzustellen versuchte, dass mir mehr von dieser Landschaft gehörte als ich sehen konnte, versagte die Ein-Bildung. Wäre das toll? oder ungerecht? Gehört die Landschaft nicht allen?
Wo ist die Grenze zwischen Land(besitz) und Landschaft?

Was einem im Paradies so alles durch den Kopf geht….




Sommerfeste - feste Sommer?


Der Kalender verspricht, die Touristen beweisen: es ist Sommer in Patagonien.

Jetzt, Anfang Februar, stecken wir mitten in den argentinischen Sommerferien. Das Pueblo ist voll, voll, voll.
Wir haben Krise und das heißt wie überall: die Leute bleiben im Lande, verschieben den Trip nach Paris oder Miami auf ein anderes Mal.
Und davon profitiert San Martin besonders stark.

Die Nachbarstadt Bariloche, mit mehr Sterne-Hotels, einem grösseren See und spektakuläreren Vistas ist der Liebling der Brasileros. Die stecken aber erstens auch in der Krise und zweitens steckt denen noch die "Schweinegrippe Marketing Kampagne" von Buenos Aires in den Knochen.
Sie bleiben also auch zuhause. Was bedeutet, dass man in B'oche ohne Problem ein Zimmer bekommt, hier aber alles voll ist.

Auch die Strassen. Alle paar Stunden kann man auf jedem der fünf Lokalradios das Jammern über den "transito", den Verkehr, hören. Die einzige Einfallstrasse, sie fällt tatsächlich in einer grossen, dreispurigen S-Kurve herunter in die schmale Avenida Koessler, ist stundenlang nur im Kriechgang zu passieren.

Es ist ja auch dauernd und überall was los. Da wollen die Gäste hinaus und hinauf zum Jagen und Fischen, zum Mountainbiking und River-Rafting und zu den Festen ausserhalb, der "Rural" in Junin de los Andes zum Beispiel, der grössten Agro- und Gaucho-Kirmes in der Provinz. Oder sie wollen herein, zur Fiesta Cultural, zur Che Guevara Ausstellung, dem San Martin Triathlon oder zum Defilé und den Parties zum 112. Geburtstag der Stadt. Nichts kann sie von all dem abhalten.
Nicht mal der Sommer, obwohl der heuer echt speziell ist.

Hätte Mark Twain in Cordoba, Rosario oder einer anderen Stadt in der Mitte oder an der Ostküste Argentiniens gelebt, er wäre mit seinen berühmten Spruch über den Winter sicher auf unser "San ...." los und nicht auf das berühmtere in Kalifornien:
" Der kälteste Winter, den ich je erlebte, war ein Sommer in San Francisco".
Tage mit Wind, Sturm, Wolkenfetzen, Regenschauern, nachts unter zehn, tags kaum über 15 Grad, dazwischen Blau und Heiß in homöopathischen Dosen. Das bringt sogar die abgehärteten Einheimischen zum Improvisieren.
Im Triathlon mussten sie die 10km Kanustrecke durch 15km Trekking ersetzen, da sich der See zu wild und kalt gab.
Das grosse Aire Libre de Música Clásica auf der driving range des Golfclubs, letztes Jahr ein spektakuläres Ereignis, stutzten sie so brutal zusammen, dass ich mir lieber zuhause eine CD reinschiebe und Glühwein trinke.
Ok, ein Espresso tut's auch - aber die Heizung muss dann schon laufen.

Klingt alles übertrieben?

Von wegen - mit Photoshop kriegt man das so nicht hin (und das Aufnahmedatum kann ich damit auch nicht "frisieren"!):


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Mehr dazu demnächst auch in den photos of the week, wo ich bis jetzt ja vor allem die Hunderstel Sekunden mit Sonnenschein eingefangen habe.



PS: mit Wolfsview II geht's vorwärts. Die Design-Versuche konvergieren langsam aber sicher auf eine Version, die ein bisschen mehr ist als nur ein akzeptabler Kompromiss.
Ein Datum für den Launch will ich nicht versprechen, dass ich rechtzeitig Alarm schlage schon.
Bis dahin könnt Ihr die Kommentare nur via email (link in der Fussleiste) abgeben, da der Provider dieses Dienstes in das kommerzielle Lager abgedriftet ist und nur noch unnötig komplexe Lösungen anbietet, die mir zu teuer sind.