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Aug 2008

week 35


TETRA...

...ist d a s große Sportereignis in San Martins Wintersaison.
Nicht schwer zu erraten, dass die populäre Abkürzung für Tetrathlon steht, also für Vierkampf. Schwieriger wird's schon, wenn man auf die vier Sportarten kommen will. Gut, es ist Winter, irgendwas wird sich wohl im Schnee abspielen. Kein Husky-Rennen, kein Schneeschuhtrek, ganz einfach, es beginnt mit "Tourenskifahren": ein paar Anstiege unter dem Lift, ein paar neben dem Lift, ein paar Abfahrten, auf der Piste, ein paar neben der Piste. Danach schwingt man sich auf's Mountainbike und rast in Etappen den Berg hinunter, quält sich in Zwischenetappen steile Wanderwege und Ziegenpfade hinauf. Hat man es von 1271m hinunter auf 635m ohne größerer Blessuren geschafft, zwängt man sich in den Kayak und paddelt so ungefähr fünfeinhalb Kilometer zum nächsten Badestrand und wieder zurück. Dann dürfen die Beine noch mal ran und 16 km den Berg rauf und runter spurten. Vier Stunden und vierzig Minuten hat der Sieger heuer für diese Tortur gebraucht - bei abscheulichem Wetter: 5ºC, böiger Wind und Regen, Regen, Regen.
Deswegen habe ich (und vor allem die Nikon-Teile) nach dem Start zum Paddeln das Handtuch nicht geworfen, sondern gesucht: trocken legen war angesagt. Weil es diese Woche überhaupt meist grau war, haben es ein paar Tetra-Fotos doch in die photos of the week geschafft.

week 34


Cementerio de la Recoleta

Friedhöfe haben mich fasziniert seit ich mich vor unendlich vielen Jahren per Zufall in den von Ajaccio auf Korsika verirrte. Anstelle von den steingerahmten Rechtecken, mit viel oder wenigen, manchmal frischen, oft verwelkten Blumen drauf und einem Grabstein dahinter fand ich dort regelrechte Mausoleen. Mini-Ausgaben von Tempeln, Obelisken, Kathedralen, eine richtige Totenstadt. Sehr beeindruckend.
Ein Art mondäner Überbruder ist der berühmte Cementerio de la Recoleta in Buenos Aires, letzte Adresse vieler berühmter Argentinier. Nach meinem kurzen Besuch auf dem Friedhof in San Martin fiel mir ein, dass ich ja auch in BsAs beim letzten stopover kurz durch die Recoleta gelaufen war. Et voilá...

GOOOOL...

...so klingt es im Radio, im Fernsehen, wenn irgendwo dort ein Tor fällt, wo einer der schrägen futbol-Reporter vom Canal Cinco das Sagen hat. Inzwischen hört man diesen Urschrei der Sportler am Mikrofon in fast allen Ligen der Welt, wenn's darum geht die Zuhörer/schauer aus der Passivität zu brüllen.

Aus gegebenem Anlass haben sich deswegen die Kollegen der argentinischen Canales eine kleine aber entscheidende Modifikation einfallen lassen:

GOOOOOOLLLLDD...

haben sie diesmal gebrüllt, immer wieder, am letzten Freitag, 02:51 Ortszeit Argentina. So habe ich sie und die achtzig oder hundert Gäste vom "Dublin" jedenfalls verstanden. Und mit einem Gooool haben wir ja auch Gold gewonnen, mit einem einzigen gol, das erst noch durch einen krassen Torwartfehler zustande kam. Meiner Meinung nach.
Besser waren wir nicht, Lionel (Messi) hat sein Doppelpass-Spiel nicht durch die Nigerianischen Beine gebracht, Juan (Riquelme) weder einen Freistoss reingehämmert noch geniale Pässe getreten und Agüero nicht einen genialen Haken geschlagen.
Bueno, jetzt müssten es alle gemerkt haben: ich spreche vom Fußball-Finale in Peking.
Olympia hat meinen Tagesablauf nicht groß beeindruckt, aber als sich Archentiiina in die Medaillenränge gekickt hatte, wurde ich schon aufmerksam. War ja auch kaum zu vermeiden: alle Titelseiten, Überschriften, Kommentare konnten sich endlich mal um das Eine und Einzige kümmern, was der Bevölkerung des zweitgrößten Staates in Südamerika Grund und Chance gibt, sich mit dem Namen Argentina, mit der blau-weiß-blauen Flagge mit der Inka-Sonne in der Mitte zu identifizieren.
Es war also eine seltene Demonstration des Nationalstolzes zu erwarten und die wollte ich mir anschauen. Und außerdem: die meisten Argentinier wären ja am liebsten Italiener, was auch ein lebhaftes Ereignis versprach.
Da China auf dem Globus ziemlich genau "gegenüber" liegt, fiel der Spielbeginn um 12:00 Beijing-Time perfekt in die Kernzeit des nightlife in San Martin. Nach meiner Deutschstunde hatte ich also genügend Zeit meiner Vermieterin die letzten Raten zu zahlen, bei einem Kaffee zu überlegen, in welchem Restaurant ich mir die Zeit bis zum Anstoß vertreiben wollte und dann einen guten Platz vor der Leinwand zu sichern. "Leinwand" klingt nach Fan-Zone und public viewing und das war es wohl auch, aber nicht im Euro '08 Stil wie etwa in Zürich.

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Ein paar große LCD-Fernseher in den populären "Restos" und Bars mussten genügen. Meiner hing an der Holzwand im ersten Stock vom "Dublin", des größten Pubs hier. "Du-blin"! okay! nicht "Dabln" - auch wenn der Name der irischen Stadt andeuten soll, dass es hier viele Biere gibt und ein paar Whiskies.
Kurz vor Mitternacht fand ich noch einen leeren Tisch in einer Nische und bestellte einen Gin-Tonic um in Stimmung zu kommen. Ich hatte mehr Volk erwartet und war extra eine Stunde vor Anpfiff gekommen, aber die Argentinos saßen wohl alle noch beim Steak. Auf dem Bildschirm interviewten sich zwei Herren in gesetztem Alter und gestreiften Anzügen. Mit ihren riesigen Kopfhörern und den gurkengroßen Mikrofonen glichen sie Außerirdischen, die man aus einem SciFi-Film der 50er Jahre heraus kopiert hatte. Aber das brachte wohl nur mich zum Schmunzeln, alle anderen konzentrierten sich auf Drinks, Zigaretten oder den irischen Country, der von der Bar im Erdgeschoss herauf dudelte.
In den 60 Minuten bis zum Einlauf der Gladiatoren übte ich Spanisch. Adrian, der Zahnarzt/kosmetiker und Angel, ein Student der "interdisziplinären Allgemeinbildung" an einer der kleineren Unis in Buenos Aires, hatten mich nach der Adresse eines Nachtclubs gefragt und sich dann zu mir gesetzt. Unser Gespräch streifte alles, was sich im Leben der beiden so ereignete, bei ihren "Tagesjobs" ein beachtliches Spektrum. Auch deswegen, weil zu Adrian gewisse Personen aus dem Dunstkreis der VIPs kamen. Der Bruder des argentinischen Fußballstars Gago zum Beispiel. Aber das war die einzige Referenz zum Thema des Abends. An Fußball war keiner der beiden interessiert, auch nicht an Olympia. Als es auf der Leinwand los ging verabschiedeten sie sich ins nightlife. Das war schon mal eine Fehlanzeige re: futbol als nationales Identifikations- und Begeisterungsmedium.
Versäumt haben die beiden, ehrlich gesagt, nicht viel. Das Spiel ging hin und her wie andere auch, hatte keine Phasen, die mich meinen Drink vergessen ließen, keinen Moment, der mich emotionell herausforderte. Die Argentinas/-os offenbar auch nicht, denn es blieb ziemlich ruhig. Gelegentlich mal anerkennendes Klatschen (!) oder ein kurzer Aufschrei bei einem Foul. Waren denn die hier alle nur zum Trinken? Immerhin tranken sie mit dem Gesicht zur Leinwand...
Auch bei Halbzeit nicht der run auf die Toiletten um die durch Spannung gereizte Blase zu beruhigen. Man hätte vermuten können, dass da vorne ein Dokumentarfilm aus dem Reich der Ameisen gezeigt würde. Aber es blieben ja noch mindestens 45 Minuten und die Hoffnung auf ein paar Tore.
Eines schossen wir dann ja auch - na ja, "schossen" ist der falsche Ausdruck, einfach über den Torwart gehoben hat er die pelota, ins leere Tor, so muss es heißen. Da merkte ich dann, dass die meisten doch auf den Bildschirm schauten. Es wurde kurz gejubelt, getrampelt, geklatscht. Aber das war's dann auch schon. Und beim Abpfiff das gleiche noch mal. Kein Tanzen, Pfeifen, Singen. Ich war enttäuscht. Das war soweit weg von einer begeisterten Medaillen-Feier wie Buenos Aires von Rom. Von wegen italienischer Begeisterung, von wegen Fähnchen-Konvoi und Hupkonzert in allen Strassen - nada, niente. Von stolzer Identifikation nichts zu spüren, weder mit dem Land hier noch den geliebten "Ahnen" in Europa. Mag ja vielleicht was damit zu tun haben, dass die Nationalhymne offenbar ziemlich schwierig zu singen ist (zumindest für die Fußballer, die blieben nämlich stumm). Oder damit, dass die Masse zum Schifahren hier ist und nicht um ihre Nationalmannschaft zu feiern. Oder was weiß ich...
Meinen Versuch mit der Identifikation werde ich jetzt auch abbrechen: ".. haben wir ja auch Gold gewonnen..", "Eines schossen wir dann ja auch..." habe ich oben geschrieben. Aber so richtig gefunkt hat's da bei mir nicht.


Gomez dice...

Gomez sagt,..

".. ja, so ist es, leider! Wir haben da ein Problem mit den vielen propietarios. Aber hier sind wir doch im Parque Nacional Lanin, da gibt's schon ein paar Wege."
Im Parque Nacional? ein paar? Wege?
Habe ich das richtig verstanden?
Mein Ärger kommt schon wieder hoch, diesmal verkleidet als Enttäuschung. Hatte ich doch gehofft meine frustrierende Er-fahrung und Er-wanderung am Lago Melinquina (s.u.) sei das Resultat eines Mißverständnisses, oder eines Noch-nicht-verstehens der lokalen Verhältnisse und Gewohnheiten; dass ich hier einfach falsch lag mit der aus D, CH, F, A gewohnten Spazier-Spontaneität: raus fahren, am Waldrand anhalten, los laufen. Aber eine patagonische Version davon muss es doch geben, hier, in dieser wild-leeren Gegend, es ging doch wohl nur darum sie zu finden?
Und so fuhr ich nach dem Melinquina-Debakel directamente zu Carlos. Meine ARG-Liaison musste es wissen, oder wenigstens ein Buch, eine Karte im Regal stehen haben.
Hatte er aber nicht! Immerhin er wusste Rat: "Gehen wir doch rüber und fragen Gomez! Vamos, Wolf, vamos!"
El Gomez ist einer aus der "Solar Roca"- Clique, den 15, 20 Leuten, die die Kleider-, Wein-, Chocolate-, Designmöbel- und Buch-"Boutiquen" in dem hippen, neuen Geschäftskomplex am Westrand der Plaza San Martin betreiben. In seinen Cargo-Hosen und den Raichle Wanderstiefeln würde man ihn nicht gerade bei der Damenmode erwarten, aber hey, vielleicht ist das ja gerade das clevere Patagonia-Marketing.
Minuten später stehe ich im spotlight zwischen Kleiderständern voller chicer Blusen und knapper Röckchen und warte darauf, dass sich der unscheinbare Gomez von einer Brasilianerin "im besten Alter" los eisen kann, die irgendwas Passendes für den Apres-Ski braucht. Truji schiebt mir einstweilen einen Mate rüber: "Toma, Wolf, toma - bist ja schon halber Argentinier!"
Als Gomez mich bemerkt blinzelt er mir zu, deutet mit dem Kopf Richtung Brasillien und rollt mit den Augen. Fünf Minuten später hat er's geschafft: " Che, Wolf, como te anda?"
Es geht eben nicht so gut, oder besser: ich weiss nicht wo "es geht". Ich berichte von den Zäunen und Gattern. Gomez nickt, es scheint ihm peinlich zu sein. Dann bringt er den Parque Nacional ins Spiel, mit seinen "paar Wegen".
"Jetzt ist es sowieso schwierig, über 800m bleibst Du irgendwann in einem Schneeloch stecken, der Weg am Lago Faulkner fällt also aus." Er denkt nach, die Auswahl scheint tatsächlich nicht so groß zu sein.
"Sabes Laguna Rodales?" fährt er dann fort. No, kenne ich nicht, ist offenbar gerade um's Eck. Gomez beschreibt die Anfahrt, ich folge seinen wilden Handbewegungen und versuche, mir den Weg zu merken. Morgen soll's ja nochmal schön werden. Und "morgen" fahre ich am Nachmittag los.
"Nach dem kleinen Barrio links den Weg nehmen und dann bei der Brücke über den arroyo parken" hatte Gomez gesagt. Nach dem dritten Barrio werde ich unsicher, biege ab, finde keine Brücke, keinen Bach, halte trotzdem an und laufe - mal wieder - einfach los.
Es geht hinauf in den Wald, durch's Unterholz auf eine Lichtung hinaus, an steilem Hang. Die Aussicht ist schon mal nicht schlecht, über La Vega hinüber zum Chapelco. Eine Viertelstunde bin ich schon unterwegs, kein Wegweiser zur Laguna, auch kein Hinweis auf eine propiedad privada. Nochmal 500 Meter und meine gespannte Skepsis beginn sich langsam aufzulösen. Da stören mich selbst die Pfosten eines alten Feldzaunes kaum noch.

Rosales_Zaun_8930_400 - - - - Rosales_Urwald_Schnee_8936

Es geht wieder in den Wald. Das Sonnenlicht bricht sich in den Schneekristallen, die noch in den Zypressen hängen, und bringt die immergrünen Bambusblätter zum Leuchten. Eine unerwartete Kombination: Schnee, Sonne und Bambus. Ich komme mir ein bisschen wie ein Entdecker vor, der ich ja hier auch bin. Aus dem Weg ist inzwischen ein schmaler Pfad geworden. Im Schnee erkenne ich ab und zu Fussspuren, was mich hoffen lässt, doch einen sendero gefunden zu haben, vielleicht sogar den zur Laguna Rosales.
Doch dann stehe ich plötzlich vor einem steilen Ansteig, keine Spuren mehr, kein Pfad, bestenfalls noch ein Wildwechsel, der sich zehn Meter weiter gabelt. Okay, lieber durch die Natur gestoppt als durch einen Zaun, hundertmal lieber. Aufgeben will ich eigentlich noch nicht, schliesslich bin ich ja genau deswegen hier: einfach loslaufen und erkunden, einfach voll rein in die Wildnis. Ich will die Freiheit noch ein bisschen geniessen, habe noch nicht genug von (der) Natur. Als ich mich umdrehe um mir den Rückweg einzuprägen merke ich, dass es ziemlich düster geworden ist. Bei meinem Vorwärtsdrang ist mir garnicht aufgefallen, dass sich von Chile her eine Wolkendecke vor die Sonne geschoben hat. Die Spuren sind im Schnee kaum mehr zu erkennen. Also doch umkehren. Ich rutsche den Abhang wieder hinunter, muss ein bisschen Pfadfinder spielen um die Spur zu meinem Pfad, den Pfad zu meinem Weg zu finden. "Meinem Weg"? Ja, heute hatte ich einen Weg gefunden, der mir, zu mir passte, der heute nur mir gehörte, der mich ein paar Stunden durch Wildnis und Natur führte. Und jetzt konnte ich das Ganze nochmal im Rückwärtsgang erleben - so muss es sein, oder? Keine Spur von Frustration, nichts als Zufriedenheit.
Und für den nächsten Ausflug hatte ich ja immer noch Laguna Rosales.
Aber da muss mir Gomez nochmal genau die Anfahrt erklären.

week 31

Lago Lolog,

ja ja, ein anderer lago, ziemlich unsichtbar, jedenfalls von den "Uferwegen" aus, die ich auskundschaften wollte. Mehr Zäune und Gatter ! - die scheinen das jüngste Thema meiner Fotoarbeiten zu definieren - hoffentlich werden sie nicht zu einer Obsession...

Dass man an diesen Lago aber auch ganz nah ran kommt sieht man hier