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Auf nach Lüsse, ab in den Sand

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Kein Wunder also, dass sich zu den 2. Berlin Internationals 40 grosse und 46 mittlere Spannweiten angemeldet hatten, was den Qualifikationswettbewerb für die DM ´02 zur grössten Veranstaltung aller Zeiten in der Offenen Klasse machte und erst nach 2 Ausfällen die 18m Klasse unter die von der SeKo geforderte Gruppengrösse von max. 45 Piloten brachte. In einer Mixed Klasse wollten sich schliesslich noch 11 15m Piloten am Himmel zwischen Elbe und Oder austoben.
Wer die Trainingstage nutzen konnte, fand alle Erwartungen bestätigt: die Organisation lief und die Thermik stand. Was dem in langjährigen Statistiken bewanderten Wettbewerber allerdings eher suspekt war. Die zahlreichen Bemerkungen der Märkler über den trockenen Mai und die deutlich abnehmenden Hekto-pascals liessen dem Eröffnungsbriefing mit deutlicher Skepsis entgegensehen. Dies konnte dann auch vollkommen entspannt in aller Ausführlichkeit abgewickelt werden, der nassgraue Himmel liess keinen Gedanken ans Fliegen aufkommen.

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Die trockenere Kaltluft, die Erland Lorenzen vom DWD versprochen hatte, brach dann tags darauf ins Wettbewerbsgebiet ein – mit aller Macht und einer Windstärke, die zur Startzeit locker 50km/h erreichte, später auch mal die Vne einiger Zelte überschritt. Der Offenen Klasse hatte der Sportleiter Klaus Engelhardt ein 356km Mehreck aufgegeben, bei dem sich die Piloten den 150km Rückensturm-Schenkel mit einem 33km Hindernislauf gegen die Naturgewalten erst verdienen mussten. Nachdem das Tohuwabohu in den unterten Schichten überstiegen war, kamen fast alle in den Genuss, auf dem 2. Schenkel Grundgeschwindigkeiten von über 260km/h auf dem GPS abzulesen.
Der Knackpunkt lag dann bei den letzten 100 km, wo man sich aus den thermisch schwächeren Elbauen bei immer noch 60 km/h Gegenwindkomponente heraus- und um die Sperrgebiete herummogeln musste. Das gelang nicht
allen. Vier Flieger hatten beim Kampf ums Obenbleiben nicht genügend auf Winddrift und GPS geachtet und wurden in den roten Bereich geblasen, ein paar Glückliche bewahrte nur eine im tieferen Regelwerk verbriefte Toleranz vor dem Eröffnungs-Nuller. Klar, dass es zu Diskussionen kam, klar auch, dass man sich zu deren Vermeidung angesichts einer GPS-Genauigkeit von unter 50m für allemal und überall auf die Null-Toleranz-Lösung einigen sollte (die ja schon bei der DM2K angewendet wurde).
Die 18m Klasse flog ein 273 km Mehreck und durfte schon vom Start weg die Spinnaker setzen. Nach der Rückenwindwende brachen dann die Schnitte zusammen – bis auf einen. Bruno Gantenbrink (YY) schaffte es, mit 91km/h nach Hause zu kommen, einem Vorsprung von mehr als 11km/h und 156 pt. auf den zweiten K. Karg. „Fliegerisch abgewatscht“ fühlte sich da Gerd Spiegelberg (37), der überrascht war, dass man in dieser zerrissenen Thermik überhaupt so weit fliegen konnte und mit knappen 67km/h heimkam. In der Mixed Klasse, in der von 11 Teilnehmern nur 5 zu den 247km starteten, flog Annette Klossok den ersten von drei Tagessiegen nach hause. Da die Einheimischen, die hier die Mehrheit stellten, meist zu Helferpflichten abgezogen oder vom Wetter abgeschreckt wurden, musste sich Annette alleine im Rennen gegen die Uhr, im Kampf gegen das Wetter motivieren.
Angespornt durch den Erfolg dieses Sturmflugtags legte die Wettbewerbsleitung am 2.WT. noch einen drauf. Zwar zeigte sich am Himmel schon bedeutend mehr Grau, aber der Wind sollte nur noch mit 40 km/h säuseln und schliesslich war da ja noch dieser „heisse Sand“. Bruno flog zu dem 353km Dreieck als erster ab und kam als erster zurück, hatte diesmal dabei aber nur knapp 5 Minuten herausgeholt. Das gab zwar wieder 1000 Pte., die 37 lag heute aber nur 33 Punkte dahinter – die Motivations-Ohrfeige hatte offensichtlich gewirkt. Bei den Langohren war solide taktische Vorbereitung gefragt: eine Assigned Area Task (AAT) stand auf dem Aufgabenblatt. Bei dieser Variante geht es darum, in einer gegebenen Maximalzeit das grösstmögliche Dreieck zu fliegen, das durch je einen frei wählbaren Punkt in 2 vorgegebenen Gebieten bestimmt ist. Heimkehrer- (15%) und Flugplatzlande-bonus (5%) konnten die Optimierung da ganz schön komplizieren. Im ersten Gebiet musste man den Rückenwind bis ans Limit ausreizen und dann den Wendepunkt im Sektor 2 auf maximale Strecke und sicheres Heimkommen anlegen. Am besten schaffte das Uli Gmelin, der echte 441km in 4 Stunden flog und damit auch die Führung im Gesamtklassement übernahm.
Zeit um die beste Strategie für diese Aufgabe zu diskutieren gab es anschliessend reichlich. Nicht einmal PCmet -Virtuoso Erland gelang es, brauchbare Wetterfenster zu öffnen. Dann rauschte das Bergfest durch die Halle und was dabei noch heisse Rhythmen und coole drinks schafften, musste am nächsten Tag profane hardware übernehmen: „Wir haben das Briefing um eine Stunde verschoben, um vorher noch die Halle heizen zu können.“ Herbert Märtin am 3.6.2001! Geduld und Optimismus waren fortan gefragt, auch mal der Mut einen Versuch zu wagen, selbst wenn der Schnüffler trotz knallhartem Befehl vom Sportleiter: “..eier nicht irgendwo rum, flieg dahin wo die Thermik ist!“ nur nutzloses Rütteln fand. Langsam wurde die Wettbewerbsleitung nervös, das Minimalziel von 4 Wertungstagen schien ausser Sicht zu geraten. Mit Überzeugung packte man die nächste Chance und brachte die Piloten zum Staunen: 385km sollte die Offene Klasse fliegen, 100km weniger die 18m Piloten. Schon kurz nach dem Start war eine 8/8 Decke aufgezogen, unter der sich hier und da kurzlebige Grauschleier bildeten.

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Lediglich die sporadisch eingestreuten Sonnenflecken hielten die kämpfenden Langohren gerade so am Leben. Ab Kilometer 225 hätte man den Rest des Mehrecks mühelos nach Aussenlandern und Motorzündern rekonstruieren können und wäre damit bis auf 50km an Lüsse herangekommen. Die Ziellinie hatte keiner erreicht. Der 18m Klasse ging es nicht viel besser, nur dank glücklichem timing von frühem Abflug und passenden Wolkenlöchern schafften Claus Mühlenkamp und Friedemann Küster die Heimkehr. „Fast neutralisiert“ heisst, dass das erste von 85 Flugzeugen nicht vor 14:30 startet und um zu verstehen, warum in beiden Klassen am 4. Wertungstag AAT´s zu fliegen waren, musste man nur an den Himmel schauen: dicke Schichtwolken, dazwischen ein verlorener Sonnenstrahl, ein einsamer, schmalbrüstiger Cu. Da sollten mal die Piloten entscheiden, wohin und wie weit die Flügel tragen würden. Während es in der zuerst gestarteten 18m Klasse 9 wieder nach Lüsse schafften, mit 304 km sogar tüchtig Strecke geflogen und taktische Finessen ausprobiert wurden, kamen bei den Grossen nur 3 ohne Hilfe nach hause. 4 1/2 Stunden für 201 Bonus-angereicherte Kilometer reichten zwar nur für den dritten Rang, bewiesen aber, dass mit grosser Ausdauer gekämpft wurde. Am folgenden Wertungstag hatte sich neben dicken Wolken auch der Wind wieder zurückgemeldet. „Was ist denn das für ein Wettbewerb, hier muss man ja jeden Tag nachtanken!“ Diese trockene Bemerkung einer Selbststarter-Crew war die erstaunte Reaktion auf die Aufgabenstellung: 328km Dreieck!

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Hatte man bei der stark pulsierenden, durch Wellen (!) gestörten Thermik den optimalen Abflug erwischt, dann aber die 127km mit Rückenwind zu schnell abgespult, rannte man an der ersten Wende in den Showstopper, besser: Schauerstopp. Vor der Nasszelle rückwärts einparken war da die einzig mögliche Taktik und wer das nicht beherrschte, für den hiess es mit Würfeln aussetzen. Zehn Piloten traf es, was wiederum die Wertung tüchtig durcheinander würfelte. Am Ende sahen 12 Piloten die Ziellinie, der Rest hatte sich entlang des letzten Schenkels geerdet oder gezündet. Eine etwas bessere Quote schaffte die 18m Klasse, bei der etwa zwei Drittel das 239km Dreieck umrundeten. Trotz fehlender Wasser-Schikane wurden auch hier eifrig Plätze getauscht. Bruno Gantenbrink kam etwas aus dem Tritt, sodass Friedemann Küster mit einer mutigen Einzelleistung einen hauchdünnen Vorsprung herausfliegen konnte. Freitag, nach 5 Wertungen definitiv der letzte Flugtag, zeigte sich grau und feucht.

Da man Wetter, Meteorologen und Wettbewerbsleitung inzwischen fast alles zutraute, orientierte sich die Motivation der Piloten an Rang und Punktabstand. Nur Ronald Reith, der wegen eines 15 Gleitzahlpunkte-Handicaps nicht auf 2 Wochen Cumu-Lüsse verzichten wollte und mit einem superschweren DuoDiscus (7H: Sieben Heavy) mit den Offenen flog, resümierte etwas erschöpft: „ Wir waren froh um jeden Tag, den wir bei diesem Wetter nicht fliegen mussten, sondern an die Bar durften!“ Bald aber war klar: die Sieger standen fest, der Tag wurde neutralisiert. Bevor man zur Siegerehrung schritt, Pokale an alte Hasen (18m: F. Küster) und junge Tiger (Offene: Ben Schulz) verteilte, die beste Einzelkämpferin (Mixed: A. Klossok) kürte, mit Regenschirmen Pechvögel (z.B. Uli G.) tröstete und in standing ovations der gesamten Lüsse-Mannschaft dankte, trat Meteo-Erland nochmal in Aktion: Wetterwarnung! Für den Abreisetag musste vor der nächsten Monsunwelle mit einer knackigen Rückseite von 750km Potenzial gerechnet werden. Ach ja, die Höhepunkte im Flachland! – hoffentlich gibt‘s mehr davon beim nächsten Mal.