Saison, ich komme....
25/09/06 17:35 Filed in: flugschreiber
...und da war dieser Flug, dieses Erlebnis unter
Wolken. Ein Flug wie viele andere? irgendwie doch
nicht - und dann kam ich dahinter:
Ich fliege, also bin ich (aber wer?)
“Gopferdori...”, spontan macht sich meine Frustration im geografisch korrekten Dialekt Luft. Seit einer Viertelstunde hänge ich nun schon in mickrigen 450m Höhe über einer Waldlichtung, 72 GPS-genau gemessene Kilometer von zuhause, und drehe Kreis um Kreis in dieser müden Luft, die gerade so schnell steigt, wie die gute halbe Tonne aus Mensch und Maschine sinkt. Null Meter Höhengewinn oder, wie der Optimist sagen würde, null Meter Höhenverlust. Nirgends auch nur das schüchternste Zeichen eines kräftigeren, rettenden Aufwinds, kein segelnder Bussard, kein aufsteigender Rauch, nichts, nothing, nada. Zum x-ten Mal verlagere ich meinen Kreis, hole ein bisschen weiter aus. Irgendwo muss sich doch hier ein letzter Rest von Wärmeenergie ansammeln, der mich aus dieser Falle herausheben kann. Vielleicht etwas näher zu dem Dorf, bei der Kuhweide? Kühe und Segelfliegen? Die Erinnerung an einen Abend mit Bier und Bob, einem meiner amerikanischen Fliegerfreunde, lässt mich trotz meiner prekären Situation grinsen: mit grossem Respekt hatte er die Fähigkeiten seines 82 jährigen Fluglehrers charakterisiert: „...der kann sogar aus einem Kuhfurz noch Steigen herausfliegen!“ Nun hatte ich es hier zwar nicht mit der kraftvoll furzenden Rasse der Southwestern Longhorns zu tun, sondern mit der eher auf süsse Milch getrimmten lila Milka-Kuh, aber ein Versuch war die Weide wohl trotzdem wert....
Jedes Jahr dasgleiche.
Was mich wohl wieder dazu getrieben haben mochte, beim ersten Flug der Saison den schnellen Endanflug aus sicherer Höhe zu kühlem Bier und Fliegerstories abzubrechen und noch einen kleinen Umweg nach Süden zu dem letzten kleinen Wolkenflusen über dem Entlebuch zu machen? Was es wohl war, dass mich an einem unverplanten, noch fast winterlich frischen Samstag Mitte März schon kurz nach sieben aus den Federn getrieben hatte, was mir gerade noch Zeit liess eine Tasse Tee und ein paar Löffel Müssli hinunterzustürzen, bevor ich mir den warmen Fliegerpulli überstülpte und den Saab mit Batterien, Logger und Flügelrad belud? Warum diese Hektik beim Montieren der 24m Flügel, die mir doch wieder nur einen aufgeschürften Mittelfinger einbrachte? All das nur um ein paar Stunden lang zu versuchen einen motorlosen Flugapparat gegen den Willen der Schwerkraft in der Luft zu halten?
Jedes Jahr dasgleiche.
Eine schwache Kaltfront war durchgezogen und hatte zur Überraschung aller Lohnempfänger ausnahmsweise schon am Freitag ihre Regen-und Graupelschauer über den Jura und das Mittelland nach Südosten geschoben. Und da sich auch das Barometer einigermassen an die Spielregeln hielt und auf Zwischenhoch kletterte, stand dem Saisonbeginn nichts mehr in Weg. Die Flügel waren poliert, die Batterien geladen und vorallem das Kribbeln war spürbar, untrügliches Zeichen dafür, dass es höchste Zeit war, den Horizont, der im Aargauer Winternebel beinahe verlorengegangen war, durch drastische Erhöhung des Aussichtspunktes auf eine angemessene Distanz zu rücken. Die scharfen Sonnenstrahlen des frühen Morgen lösten letzte Zweifel auf und hatten auch heuer wieder einige Piloten überrascht. Anders war jedenfalls die kurze Schleppliste nicht zu erklären. Statt ihren Flieger in die Warteschlange hinter der Remorquer einzureihen, bugsierten sie - inzwischen wohl schon ein bisschen nervös - den überquellenden Einkaufswagen beim unvermeidlichen Familieneinkauf an der Coop Kasse vorbei.
Die letzten Montagehandgriffe waren ohne weitere Verletzungen geblieben und kaum war ich im hautengen Cockpit der ’22 in die vertraute Lage hineingerutscht, kam Stefan schon mit dem Schleppseil. Trotz meines Vorsatzes, beim ersten Schlepp des Jahres in ein paar hundert Höhenmeter mehr zu investieren, zog ich schon in 400m Höhe am Klinkknopf, zu stark und ausdauernd kam der Schub von unten. Nach den ersten noch etwas ungelenk gesteuerten Kreisen hatte sich das Vario auf 2m/s Steigen eingependelt und als der Höhenmesser auf die 1000m Marke zu drehte, löste sich die verkrampfte linke Hand vom Klappenhebel und ich atmete zum erstenmal locker durch. Der Chestenberg rutschte langsam aber sicher nach unten aus dem Blickwinkel und machte den Jurahöhen Platz.
Wie so soft bot der erste gute Tag der jungen Saison problemloses Genussfliegen mit sprudelnden Aufwinden und ausgezeichneter Sicht. Zwar hatte die frische Polarluft keinen rekordträchtigen Supertag inszeniert, aber nach den ersten, vorsichtigen Suchkreisen war klar, dass die peppigen Cumuluswolken recht zuverlässig die knackige Thermik markierten. Und so ging es ein ganzes Stück den Jura entlang, in langen, ruhigen Gleitphasen, die Zeit liessen, die Aussicht auf die Hügelketten zu geniessen, auf denen der letzte Schnee im Nordschatten als perfektes Kontrastmittel die Waldkanten und Höhenlinien besonders plastisch hervortreten liess, und kräftigem Steigen, das jedesmal auf´s Neue Mut machte den Umkehrpunkt immer noch ein wenig weiter nach Westen hinauszuschieben.
.
-- --
Chasseral, Vue des Alpes, vielleicht noch nach La Brevine? Als ich den kleinen See am Kältepol der Schweiz passiert hatte, drehte ich einer weiten Linkskurve auf Heimatkurs. Wie spielende Schaumkronen trieben ein paar flache Wolkenbäusche über das Mittelland und setzten verstreuten Akzente auf die weisse Zickzacklinie des Alpenpanoramas. Über dem Jura standen jetzt im direkten Auflicht der Nachmittagssonne die Cumuli aufgereiht wie Bojen, die man nur anzufliegen hatte um sicher von Aufwind zu Aufwind und damit schnell nach Hause zu kommen.
Es war mühelos, easy. Vielleicht zu mühelos? Vielleicht, nach den ersten 100, 150km sogar ein wenig langweilig, ein ganz klein wenig langweilig? Hatte sich dann etwa eine unbewusste Lust auf Abenteuer geregt, ein Wunsch, die vorhersehbare Landung in einer Stunde noch etwas hinauszuzögern?
Hatte irgendetwas in mir der Versuchung einer kleinen Herausforderung nicht widerstehen können und mich zu einem Umweg verführt? War es das, was mich in diese Falle gelockt hatte? Die unbewusste Lust auf Abenteuer, der Reiz eine Herausforderung anzunehmen?
Und warum passiert mir das jedes Jahr? Nicht, weil ich aus Fehlern nicht lerne.
Es ist viel einfacher, auch viel allgemeiner, vermute ich: weil ich so fliege, wie ich bin – ob ich will oder nicht! Und nicht nur ich! Abgehoben, freigeflogen von den Regeln und Gewohnheiten des Alltags kommen dort oben auch Wünsche und Eigenheiten zum Vorschein, die uns auf Höhe Null nie bewusst geworden sind. Fliegen als Spiegel des Unterbewusstseins – was für ein Hobby !
Als ich nach langem Gleitflug tief an der Stelle ankam, wohin mich das bisschen Wasserdampf am Himmel gelockt hatte, löste sich der zarte Schleier prompt auf und anstatt mich in ruhigem Steigen auf den Gleitpfad nach hause zu hieven hatten es die letzten warmen Blasen bis jetzt gerade noch geschafft, mich vor der ersten Aussenlandung des Jahres zu bewahren.
Jedes Jahr dasgleiche. Mit den bescheidenen 450m würde ich es gerade noch über den Hügel da vorne, den schmalen Waldgürtel und dann ein Stück das Tal entlang schaffen, um dann auf einer der halbwegs ebenen Wiesen landen zu müssen. Nein danke – irgendwo muss es doch hier... Ich hatte das Zentrum meines unendlichen Rundherums schon mehr als 500m verlagert und immer noch keinen Meter verloren. Wieder mal ein bisschen Extraschub von unten – oder täuscht mich nur das in dieser ewigen Zirklerei geschärfte Empfinden? – und ich ziehe ein wenig steiler in den Kreis. Drei Minuten später ist der leichte Druck immer noch spürbar und ich bin 100m höher. Gewonnen?
Jedes Jahr dasgleiche. Der erste Genusssflug mit abschliessender Tiefflugeinlage, souveränes Abfliegen langer Gleitstrecken, das fast an die Routine des letzten Sommers erinnert, gekrönt von einer Schnapsidee, die mich zwingt mehr an Geduld und Konzentration einzusetzten als mir lieb ist und mich viel zu lange dem Wechselbad von selbsterfundenen Durchhalteparolen und temporärer Resignation aussetzt.
Und jedes Jahr im Endanflug nach bestandener Bodenakrobatik dieses auf´s Neue geschmiedete Vertrauen zwischen mir und meinem 24m Langohr, mit seiner Geduld, seinem unglaublich langen Atem in schwächstem Steigen und dem unbeirrbaren Stalldrang, dem unendlich flachen Gleiten auf dem Weg nach hause: wir schaffen es!
Und schliesslich, auf den letzten Kilometern vor dem Ziel dieses erlösende, befreiend pulsierende Gefühl von wiedergefundenem Selbstvertrauen: ich kann´s noch!
Saison, ich komme!
Glossar:
GPS: Satelliten-Navigations-System
Endanflug: der letzte Gleitflug, wird von einer Höhe aus gestartet, von der man mit dem Segelflugzeug in ruhiger Luft ohne einen weiteren Aufwind zu benötigen die Distanz zum Heimatflugplatz zurücklegen(gleiten) kann.
Logger: ein Datenrecorder, der die von GPS gelieferten Orts-, Höhen- und Geschwindigkeitsdaten während des ganzen Fluges aufzeichnet und speichert und sie so als Dokumentation bzw. Rohdaten für eine Fluganalyse auf dem PC zur Verfügung stellt.
Schleppliste: Liste auf der sich alle Piloten eintragen, die an einem bestimten Tag per Schleppflugzeug in die Höhe gebracht werden wollen.
'22 : kurz für ASW 22, ein Segelflugzeugtyp der Firma Alexander Schleicher (AS)
Remorquer: Motor-Schleppflugzeug
Vario: Instrument, das die Steiggeschwindigkeit anzeigt
Thermik: Aufwind, der durch Sonneneinstrahlung entsteht
Gleitpfad: Eine gedachte Linie, die auf einer Darstellung von Flughöhe gegenüber Entfernung den Endanflug von Beginn bis zur Landung beschreibt
Langohr: Spitzname für die Flugzeug mit grossen Flügelspannweiten (i.a.über 20m)
Ich fliege, also bin ich (aber wer?)
“Gopferdori...”, spontan macht sich meine Frustration im geografisch korrekten Dialekt Luft. Seit einer Viertelstunde hänge ich nun schon in mickrigen 450m Höhe über einer Waldlichtung, 72 GPS-genau gemessene Kilometer von zuhause, und drehe Kreis um Kreis in dieser müden Luft, die gerade so schnell steigt, wie die gute halbe Tonne aus Mensch und Maschine sinkt. Null Meter Höhengewinn oder, wie der Optimist sagen würde, null Meter Höhenverlust. Nirgends auch nur das schüchternste Zeichen eines kräftigeren, rettenden Aufwinds, kein segelnder Bussard, kein aufsteigender Rauch, nichts, nothing, nada. Zum x-ten Mal verlagere ich meinen Kreis, hole ein bisschen weiter aus. Irgendwo muss sich doch hier ein letzter Rest von Wärmeenergie ansammeln, der mich aus dieser Falle herausheben kann. Vielleicht etwas näher zu dem Dorf, bei der Kuhweide? Kühe und Segelfliegen? Die Erinnerung an einen Abend mit Bier und Bob, einem meiner amerikanischen Fliegerfreunde, lässt mich trotz meiner prekären Situation grinsen: mit grossem Respekt hatte er die Fähigkeiten seines 82 jährigen Fluglehrers charakterisiert: „...der kann sogar aus einem Kuhfurz noch Steigen herausfliegen!“ Nun hatte ich es hier zwar nicht mit der kraftvoll furzenden Rasse der Southwestern Longhorns zu tun, sondern mit der eher auf süsse Milch getrimmten lila Milka-Kuh, aber ein Versuch war die Weide wohl trotzdem wert....
Jedes Jahr dasgleiche.
Was mich wohl wieder dazu getrieben haben mochte, beim ersten Flug der Saison den schnellen Endanflug aus sicherer Höhe zu kühlem Bier und Fliegerstories abzubrechen und noch einen kleinen Umweg nach Süden zu dem letzten kleinen Wolkenflusen über dem Entlebuch zu machen? Was es wohl war, dass mich an einem unverplanten, noch fast winterlich frischen Samstag Mitte März schon kurz nach sieben aus den Federn getrieben hatte, was mir gerade noch Zeit liess eine Tasse Tee und ein paar Löffel Müssli hinunterzustürzen, bevor ich mir den warmen Fliegerpulli überstülpte und den Saab mit Batterien, Logger und Flügelrad belud? Warum diese Hektik beim Montieren der 24m Flügel, die mir doch wieder nur einen aufgeschürften Mittelfinger einbrachte? All das nur um ein paar Stunden lang zu versuchen einen motorlosen Flugapparat gegen den Willen der Schwerkraft in der Luft zu halten?
Jedes Jahr dasgleiche.
Eine schwache Kaltfront war durchgezogen und hatte zur Überraschung aller Lohnempfänger ausnahmsweise schon am Freitag ihre Regen-und Graupelschauer über den Jura und das Mittelland nach Südosten geschoben. Und da sich auch das Barometer einigermassen an die Spielregeln hielt und auf Zwischenhoch kletterte, stand dem Saisonbeginn nichts mehr in Weg. Die Flügel waren poliert, die Batterien geladen und vorallem das Kribbeln war spürbar, untrügliches Zeichen dafür, dass es höchste Zeit war, den Horizont, der im Aargauer Winternebel beinahe verlorengegangen war, durch drastische Erhöhung des Aussichtspunktes auf eine angemessene Distanz zu rücken. Die scharfen Sonnenstrahlen des frühen Morgen lösten letzte Zweifel auf und hatten auch heuer wieder einige Piloten überrascht. Anders war jedenfalls die kurze Schleppliste nicht zu erklären. Statt ihren Flieger in die Warteschlange hinter der Remorquer einzureihen, bugsierten sie - inzwischen wohl schon ein bisschen nervös - den überquellenden Einkaufswagen beim unvermeidlichen Familieneinkauf an der Coop Kasse vorbei.
Die letzten Montagehandgriffe waren ohne weitere Verletzungen geblieben und kaum war ich im hautengen Cockpit der ’22 in die vertraute Lage hineingerutscht, kam Stefan schon mit dem Schleppseil. Trotz meines Vorsatzes, beim ersten Schlepp des Jahres in ein paar hundert Höhenmeter mehr zu investieren, zog ich schon in 400m Höhe am Klinkknopf, zu stark und ausdauernd kam der Schub von unten. Nach den ersten noch etwas ungelenk gesteuerten Kreisen hatte sich das Vario auf 2m/s Steigen eingependelt und als der Höhenmesser auf die 1000m Marke zu drehte, löste sich die verkrampfte linke Hand vom Klappenhebel und ich atmete zum erstenmal locker durch. Der Chestenberg rutschte langsam aber sicher nach unten aus dem Blickwinkel und machte den Jurahöhen Platz.
Wie so soft bot der erste gute Tag der jungen Saison problemloses Genussfliegen mit sprudelnden Aufwinden und ausgezeichneter Sicht. Zwar hatte die frische Polarluft keinen rekordträchtigen Supertag inszeniert, aber nach den ersten, vorsichtigen Suchkreisen war klar, dass die peppigen Cumuluswolken recht zuverlässig die knackige Thermik markierten. Und so ging es ein ganzes Stück den Jura entlang, in langen, ruhigen Gleitphasen, die Zeit liessen, die Aussicht auf die Hügelketten zu geniessen, auf denen der letzte Schnee im Nordschatten als perfektes Kontrastmittel die Waldkanten und Höhenlinien besonders plastisch hervortreten liess, und kräftigem Steigen, das jedesmal auf´s Neue Mut machte den Umkehrpunkt immer noch ein wenig weiter nach Westen hinauszuschieben.
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Chasseral, Vue des Alpes, vielleicht noch nach La Brevine? Als ich den kleinen See am Kältepol der Schweiz passiert hatte, drehte ich einer weiten Linkskurve auf Heimatkurs. Wie spielende Schaumkronen trieben ein paar flache Wolkenbäusche über das Mittelland und setzten verstreuten Akzente auf die weisse Zickzacklinie des Alpenpanoramas. Über dem Jura standen jetzt im direkten Auflicht der Nachmittagssonne die Cumuli aufgereiht wie Bojen, die man nur anzufliegen hatte um sicher von Aufwind zu Aufwind und damit schnell nach Hause zu kommen.
Es war mühelos, easy. Vielleicht zu mühelos? Vielleicht, nach den ersten 100, 150km sogar ein wenig langweilig, ein ganz klein wenig langweilig? Hatte sich dann etwa eine unbewusste Lust auf Abenteuer geregt, ein Wunsch, die vorhersehbare Landung in einer Stunde noch etwas hinauszuzögern?
Hatte irgendetwas in mir der Versuchung einer kleinen Herausforderung nicht widerstehen können und mich zu einem Umweg verführt? War es das, was mich in diese Falle gelockt hatte? Die unbewusste Lust auf Abenteuer, der Reiz eine Herausforderung anzunehmen?
Und warum passiert mir das jedes Jahr? Nicht, weil ich aus Fehlern nicht lerne.
Es ist viel einfacher, auch viel allgemeiner, vermute ich: weil ich so fliege, wie ich bin – ob ich will oder nicht! Und nicht nur ich! Abgehoben, freigeflogen von den Regeln und Gewohnheiten des Alltags kommen dort oben auch Wünsche und Eigenheiten zum Vorschein, die uns auf Höhe Null nie bewusst geworden sind. Fliegen als Spiegel des Unterbewusstseins – was für ein Hobby !
Als ich nach langem Gleitflug tief an der Stelle ankam, wohin mich das bisschen Wasserdampf am Himmel gelockt hatte, löste sich der zarte Schleier prompt auf und anstatt mich in ruhigem Steigen auf den Gleitpfad nach hause zu hieven hatten es die letzten warmen Blasen bis jetzt gerade noch geschafft, mich vor der ersten Aussenlandung des Jahres zu bewahren.
Jedes Jahr dasgleiche. Mit den bescheidenen 450m würde ich es gerade noch über den Hügel da vorne, den schmalen Waldgürtel und dann ein Stück das Tal entlang schaffen, um dann auf einer der halbwegs ebenen Wiesen landen zu müssen. Nein danke – irgendwo muss es doch hier... Ich hatte das Zentrum meines unendlichen Rundherums schon mehr als 500m verlagert und immer noch keinen Meter verloren. Wieder mal ein bisschen Extraschub von unten – oder täuscht mich nur das in dieser ewigen Zirklerei geschärfte Empfinden? – und ich ziehe ein wenig steiler in den Kreis. Drei Minuten später ist der leichte Druck immer noch spürbar und ich bin 100m höher. Gewonnen?
Jedes Jahr dasgleiche. Der erste Genusssflug mit abschliessender Tiefflugeinlage, souveränes Abfliegen langer Gleitstrecken, das fast an die Routine des letzten Sommers erinnert, gekrönt von einer Schnapsidee, die mich zwingt mehr an Geduld und Konzentration einzusetzten als mir lieb ist und mich viel zu lange dem Wechselbad von selbsterfundenen Durchhalteparolen und temporärer Resignation aussetzt.
Und jedes Jahr im Endanflug nach bestandener Bodenakrobatik dieses auf´s Neue geschmiedete Vertrauen zwischen mir und meinem 24m Langohr, mit seiner Geduld, seinem unglaublich langen Atem in schwächstem Steigen und dem unbeirrbaren Stalldrang, dem unendlich flachen Gleiten auf dem Weg nach hause: wir schaffen es!
Und schliesslich, auf den letzten Kilometern vor dem Ziel dieses erlösende, befreiend pulsierende Gefühl von wiedergefundenem Selbstvertrauen: ich kann´s noch!
Saison, ich komme!
Glossar:
GPS: Satelliten-Navigations-System
Endanflug: der letzte Gleitflug, wird von einer Höhe aus gestartet, von der man mit dem Segelflugzeug in ruhiger Luft ohne einen weiteren Aufwind zu benötigen die Distanz zum Heimatflugplatz zurücklegen(gleiten) kann.
Logger: ein Datenrecorder, der die von GPS gelieferten Orts-, Höhen- und Geschwindigkeitsdaten während des ganzen Fluges aufzeichnet und speichert und sie so als Dokumentation bzw. Rohdaten für eine Fluganalyse auf dem PC zur Verfügung stellt.
Schleppliste: Liste auf der sich alle Piloten eintragen, die an einem bestimten Tag per Schleppflugzeug in die Höhe gebracht werden wollen.
'22 : kurz für ASW 22, ein Segelflugzeugtyp der Firma Alexander Schleicher (AS)
Remorquer: Motor-Schleppflugzeug
Vario: Instrument, das die Steiggeschwindigkeit anzeigt
Thermik: Aufwind, der durch Sonneneinstrahlung entsteht
Gleitpfad: Eine gedachte Linie, die auf einer Darstellung von Flughöhe gegenüber Entfernung den Endanflug von Beginn bis zur Landung beschreibt
Langohr: Spitzname für die Flugzeug mit grossen Flügelspannweiten (i.a.über 20m)