Fast forward...
03/09/10 10:11 Filed in: photos of the
week
Sometimes one has to react - like right now...
When an impulse builds up, an inspiration strikes,
or a snowstorm descends over Siete Lagos..
It happened last week.
First a slow, inconspicuous build-up: rain showers on monday, constant drizzle on tuesday, female rain (you know: the soft, permanent drenching...) on wednesday.
Then it got colder. "Agua-nieve" they call the mess which falls out of deep flying dark clouds here.
Early thursday the flakes were as big as a horses ear - never seen anything like that before.
And then I remembered: claro! - the Santa Rosa storm was preparing its annual show, right on time for the big Tetra (thlon) competition.
Well, the poor 'extremistas' had a terrible time, on the slopes, the mountainbikes (no chains allowed!), in the kayaks through hefty snowsqualls on the lake and finally 16km against the wind in running outfit!
But the day after - INCREIBLE!
Deep blue sky, all white above 3000ft.
Now it's fine to be out there, in there, to enjoy the miracle "Nature".
Getting the almost overwhelming impressions into the camera is an entirely different matter - all blue and white is kind of.. boring.
So forgive me if I played around a little - and let me know what you think..
Promise: next time I'll pick up again where jumped off today - week 28 will be next!
When an impulse builds up, an inspiration strikes,
or a snowstorm descends over Siete Lagos..
It happened last week.
First a slow, inconspicuous build-up: rain showers on monday, constant drizzle on tuesday, female rain (you know: the soft, permanent drenching...) on wednesday.
Then it got colder. "Agua-nieve" they call the mess which falls out of deep flying dark clouds here.
Early thursday the flakes were as big as a horses ear - never seen anything like that before.
And then I remembered: claro! - the Santa Rosa storm was preparing its annual show, right on time for the big Tetra (thlon) competition.
Well, the poor 'extremistas' had a terrible time, on the slopes, the mountainbikes (no chains allowed!), in the kayaks through hefty snowsqualls on the lake and finally 16km against the wind in running outfit!
But the day after - INCREIBLE!
Deep blue sky, all white above 3000ft.
Now it's fine to be out there, in there, to enjoy the miracle "Nature".
Getting the almost overwhelming impressions into the camera is an entirely different matter - all blue and white is kind of.. boring.
So forgive me if I played around a little - and let me know what you think..
Promise: next time I'll pick up again where jumped off today - week 28 will be next!
Sie liebt mich....
01/09/10 19:07 Filed in: Segunda
Vida
Sie liebt mich nicht...
Sie liebt mich...
Anstatt Blätter aus der Blüte zu zupfen um den Stand ihrer Zuneigung zu bestimmen lege ich vorsichtig Haar um Haar von links nach rechts über die kaum sichtbare Linie, die mal mein Scheitel war.
Vor drei Monaten war das noch unmöglich. Die längsten Stoppel waren 5mm, präzise getrimmt von Javier's Haarschneide-máquina.
Dann fragte sie mich eines Abends:" Wo ist eigentlich Dein Haar? Lass' es mal wachsen, ich will da mal hineinlangen!"
Wie bitte?
Ok, weiblicher Charme schaffte mich - aber erst als ich Agustina zu einer Stimulationsmassage überredet hatte, mit der sie die schlummernden(?) Wachstumsprozesse heraus fordern sollte.
Nach sechs Wochen gab's den ersten kritischen Kommentar, aus berufenem Mund: " Das steht Dir, aber da fehlt noch viel..."
Die Stimmen einer impromptu Jury aus alten Abiturkollegen zwei Monate später klangen indifferent - bestenfalls! - womöglich weil das stilbewusste weibliche Element fehlte?
Es muss der Zeitraffer-Effekt gewesen sein, der dann plötzlich den Durchbruch brachte.
"Que bueno!" war die Begrüssung, als ich nach meiner Reise wieder in den sozialen Zirkel eintrat.
"Carito war auch ganz weg, viel jünger, attraktiver siehst Du aus... und Celi, Josefina, Damasia, alle sind begeistert!"
Ich komme mir vor wie eine verzweifelte Kopie eines alternden Rockstars und mein Fan-Club ist aus dem Häuschen?
Was geht da ab?
Könnte mir eigentlich egal sein, die Damen sind alle unter 40, sind alle Argentinierinnen, fahren also voll auf das Wichtige ab: cooles Aussehen, cooler Kopfschmuck, vor allem....
Gewissse Zweifel am Schmeichelfaktor von Veronica et al kommen mir allerdings immer beim Rasieren, wenn ich die neue spärliche Pracht so nahe im Spiegel vor mir sehe - und mich dann an die leicht ironisch schmunzelnden Blicke und Gesten von Maggie, Melanie und Christina in Zürich erinnere.
Drei Gin Tonic's in relaxtem Ambiente brachten mich schliesslich der Erleuchtung näher - oder besser: der Ernüchterung.
Hinter den Komplimenten steckten keine geheimen patagonischen Sexualphantasien, die mit der Anziehungskraft eines wild bezottelten Wolfs spielten. Es war viel banaler, leider: einmal mehr kam der kulturell-historische Hintergrund ins Spiel.
" Kurze Haare, ordentlicher Schnitt, präziser Scheitel, das sind die Militärs, die Quadratschädel! Niemand will mit solchen Köpfen was zu tun haben; die hacken dir doch nur die Finger ab wenn du mit ihnen durch ihre Bürstenhaare fährst!" klärt mich Agu auf und testet meine Strähnen.
Das alte Trauma!!
In den Massakern der Todesschwadronen der Militärjuntas vor allem gegen die linke Opposition in den sieben Jahren nach 1976 "verschwanden" über 30 Tausend Menschen, verdächtig war man schon wenn man einen Bart trug...
Das kann niemand vergessen, daran will aber auch niemand dauernd erinnert werden.
Kein Wunder, dass sich da Sympathien für eine andere Haartracht entwickeln.
Die einzige Gruppe, die sich auch hier mehr am internationalen "Standard" orientiert als an Assoziationen zur jüngsten Geschichte, ist die der Architekten und Vernissagen-Hüpfer: glattrasiert und schwarz von Kopf bis Fuss, weltweit geforderter Muss-Dress der "Kreativen".
Ich werde also Javier und seine 5mm máquina noch etwas warten lassen und mir im Gegenzug lieber noch ein paar Stimulationsmassagen verpassen lassen!
Liebt sie mich nun... oder nur mein Haar?
Hundred years ago...
19/08/10 22:15 Filed in: photos of the
week
war dieser Stil in der Fotografie angesagt. "Pictorialism" wurde er genannt. Ich verwende hier mit Absicht das englische Wort denn die bekanntesten Protagonisten dieser Stilrichtung kamen vor allem aus England und den USA (Alfred Stieglitz, Edward Steichen z.B.)
Damals wandte man verschiedene Tricks an um die Abzüge der (Platten-)Negative näher an Gemälde und damit näher zu "Kunst" zu platzieren.
Mit Photoshop geht das heute natürlich viel einfacher.
Ich kam aber ganz einfach im richtigen Moment mit dem Bus in Buenos Aires an und brauchte die Nikon nur ans Fenster zu halten um alle Aspekte des Pictorialism einzufangen.
Nix Potoshop - nur richtige digitale Entwicklung und hochladen - basta!
Wetterstimmung - Stimmungswetter
17/08/10 16:02 Filed in: photos of the
week
"Reisen bildet". Sagt man.
"Reisen öffnet". Sage ich.
Kaum falle ich in einen Sitz, einen Sessel, der mich in ein paar Stunden ein paar hundert Kilometer weiterbringt ändert sich die Welt, das Leben.
So scheint es mir.
Es gibt plötzlich keine Termine mehr, keine dringenden Punkte auf der "to-do-Liste". Dafür habe ich auf einmal Zeit zu sehen und zu spüren, was um mich herum passiert. Ich meine a l l e s zu sehen und zu spüren, nicht nur das, was der Filter der täglichen Routine noch durchlässt.
Und nachdem der Bus abgefahren, der Flieger gestartet ist, bin ich auch gespannt auf das was ich sehe, bin neugierig.
Offen, eben.
Dann fange ich an mit den spontanen Eindrücken zu spielen, sie in anderem Kontext zu interpretieren, neue Zusammenhänge auszuprobieren. Manchmal schreibe ich dazu auch eine kleine Story oder mache ein paar Fotos.
So wie vor 2 Monaten, als ich mal wieder auf Reisen ging.
Zwanzig Stunden dauert die erste Etappe, die Fahrt von San Martin nach Buenos Aires. Der Liegesitz ist sehr bequem, der Platz drumherum so gross, dass ich Kamera, Bücher und Computer immer zur Hand habe. Meistens schaue ich aber doch zum Fenster hinaus. Tagsüber ist das unendlich viel interessanter als Filme, News, Werbung oder was immer gerade über den Schirm an der Wand neben der Kaffeemaschine flimmert.
Draussen war es grau und ziemlich dunkel.
In mir auch.
Die Lust auf Neues, Unerwartetes, die mich jedes mal befeuert, wenn ich mich aufmache, hatte es diesmal schwer. Ich kam nicht so einfach los von ein paar Fragen und Gefühlen, die ich offen und ungeklärt zurück lassen musste.
Sie drückten die Stimmung und der lustlose Himmel tat nichts um sie zu heben.
Bis ich die Nikon packte, ans Fenster hielt und ein paar mal klickte.
Was sie aufnahm sah irgendwie ganz anders aus als das, was mir meine Augen zeigten, die Bilder waren friedlicher, malerischer, eher melancholisch als deprimierend.
Ich rieb mir die Augen, verglich nochmals das Bild auf dem Monitor mit dem was ich draussen sah. Tatsächlich: das "da draussen" war wirklich pittoresk!
Was war da los?
Verfärbt der Himmel die Stimmung?
Verfärbt die Stimmung den Himmel?
Auf diese Frage wäre ich Zuhause nie gekommen. Jetzt, unterwegs, fand ich sie faszinierend.
"Reisen öffnet" - manchmal auch Fragen.
PS: Es geht wieder weiter mit den photos of the week! Und zwar ziemlich nahtlos. Was heisst, dass ich jetzt nach und nach die Fotos der Wochen 23ff hochladen werde.
Wie immer: die Fotos wurden zwar grösstenteils, aber nicht immer, in der Woche aufgenommen, in der sie auch erscheinen.
Wie immer: es sind die Fotos, die mir in dieser Woche am meisten "bedeuten".
STANDBY
12/08/10 11:55 Filed in: Segunda
Vida
"Stand-By"
hätte der Titel eines Eintrags heissen sollen, den ich vor fast zwei Monaten schreiben wollte. Auf Deutsch: "Etwas Geduld bitte!".
Das wäre dann ein unverbindlicher Hinweis darauf gewesen, dass mit einer endlichen Sendepause auf WolfsView zu rechnen sei.
Die Chance das so locker anzukündigen habe ich verpasst, vor lauter Spannung ob das mit dem Standby wirklich klappen würde. Dem echten Standby..
Ich war nämlich mal wieder unterwegs.
Den Pflichtbesuch in Europa wollte ich kombinieren mit einem "Abstecher" nach Colorado und Vermont um dort Freunde zu besuchen. Terminwünsche und Flugpläne in die Budgetvorgaben zu zwängen kostete mich einige Nachtschichten im internet. Als ich dann alles so einigermassen auf die Reihe gebracht hatte tauchte der Euro ab und zog den Abstecher gleich mit.
Dass der dann wie eine Luftblase wieder hoch blubberte verdanke ich einem Epson Grossformatdrucker.
Eliseo, dem dieses Wunderteil gehört, hatte mich eingeladen ein paar meiner Fotos in anständiger Grösse zu drucken. Und während der Druckkopf hin und her raste und Picoliter der teueren Tinte auf noch teuereres Papier spritzte, erzählte mir 'Seo von seiner bevorstehenden Reise nach Seattle und New York und von Pablo, der ihm billige Standby Tickets organisiert.
Zwei emails und drei skype-chats später war eine neuer Plan geboren.
Ein ziemlich kurioser, diktiert von den Regeln des Reisens im Standby Modus - denen von American Airlines in diesem Fall.
Unterm Strich bot mir Pablo mehr Abenteuer für weniger Geld an - wer kann da schon widerstehen?
Dass dann auch noch mehr Luxus ins Spiel kam war echt cool.
Wofür Pablo nichts konnte war die unerwartete Verlängerung meines Trips. Die hatte mit Standby nämlich nichts zu tun, ist aber schuld daran, dass es noch ein paar Wochen länger gedauert hat, bis ich mich hier wieder melde. Sie hat also noch ein Extra an Geduld verlangt, oder auf Englisch: ein Extra an "Stand-By".
PS: gelegentlich hat mir die "By-Standerei" auch unerwartete Erlebnisse und Einsichten gebracht. Eine(s) davon in der nächsten Story, die ein Feature der kommenden Wolfsview Inkarnation einführt: den Mix von Artikeln auf Deutsch und Englisch.
Biscuit or Bagel ?
11/08/10 20:05 Filed in: Segunda
Vida
"Biscuit or bagel, butter or jam, water or juice?"
The words came out of her mouth as if she had swallowed a questioning machine: fast, monotonous, with a hollow, metallic sound. Then she stared at me waiting for an answer - three answers actually.
With the air rushing by at 485 miles per hour, barely one foot from my ears, I understood only half of her rap and had to ask her to repeat.
"Biscuit or bagel, butter or jam, … " she played the same soundtrack once more. Her face showed more than a touch of annoyance: Can't this guy hear me? Can't he just make up his mind, like right now? she seemed to think. With a brisk motion she dropped the breakfast tray with my selection on the foldout table and turned away.
Wow, what was that?
A new version of "Something Special In The Air"?
She couldn't possibly have been exhausted when she came to me. After all I was sitting in 3A and that made me her first customer, or client, or victim perhaps? 3A on this old MD80 was the foremost window seat, in First Class.
Yeah, you got it: I was flying First Class from Dallas to Denver.
I always fly FIrst Class - no more of this " buy your own water"-crap in Eco…
Just kidding, of course - but this time I really was flying in First.
Why and how? well, this is another story.
Anyway, I was somewhat confused, a little annoyed and definitely disappointed. What happened to the always friendly, most often even cheerful cabin crew? It was an eight AM flight, most likely the first departure of the day, but is that an explanation or excuse for almost rude behavior?
Was there possibly more blowing off than just temporary bad temper?
I had come into Dallas on an overnighter from Buenos Aires. Through the whole immigration shenanigans I had passed quickly, no grumpiness there. But then, out in the never ending corridors connecting hundreds of Terminals and Concourses with thousands of Gates, I sensed it again: a decidedly depressed, almost morose, undercurrent seemed to be flowing everywhere. People had sadness on their faces, worries in their eyes, they were hunched over half-empty paper-cups, talked absentmindedly into cellphones, dragged themselves and overstuffed carry-ons through the aisles. Their posture slouched, their movements jumpy, out of sync.
Nothing natural, fluid, much less elegant in their gestures.
An announcement added an aural aspect to that unexpected scene: " To all passengers: the level of security is orange…."
Was it the "security" which made everybody so preoccupied? the old American paranoia, the widespread fear of conspiracies?
I thought about it and then I realized: " It's the economy, stupid!"
Of course! All these confused ghosts were running around in stiff business attire, trying to project a busy-ness through clothing, accessories and behavior. How could I not have seen that right away?
It appeared as if everybody was driven by external demands - and internal fear of not meeting, not satisfying them.
Suddenly everything seemed obvious and consistent.
Obvious? Well, seen through my glasses, anyway, glasses which carried a distinct South American tint.
Had it perhaps always been like this?
Was it only a change in my angle of view after almost three years in Argentina which made this scene seem so unreal, so distinctly non-American?
Whatever it was - it definitely gave another spin to "Argentina is everywhere"
Der Rio de la Plata...
27/05/10 10:23 Filed in: photos of the
week
..ist gar kein Rio! Er ist kein Fluss, sondern einfach eine lange Bucht. Zum Fluss wurde er nur erkoren, weil sich die Länder, deren Küsten die Bucht bilden (Uruguay und Argentinien), damit rühmen wollten am breitesten Fluss der Welt zu liegen.
Okay, das ist meine Sicht der Dinge.
An der Berühmtheit, oder sollte ich sagen: der Bekanntheit? des Rio zweifle ich allerdings nicht. Jeder hat den Namen irgendwann schon mal gehört, auch wenn er nie ein Buch von Karl May in die Hand genommen hat, vielleicht nicht einmal genau weiß, ob dieser "Fluss" nun durch Mexiko, New Mexico oder doch durch irgendein Land in Südamerika rauscht.
Der Name klingt einfach gut, lässt Phantasie aufkommen und Fernweh.
Die Spanier benannten ihr südlichstes und letztes Vizekönigreich in Lateinamerika auch nach ihm. Im Gegensatz zum "Fluss" war es aber nach 34 Jahren wieder verschwunden.
Und damit bin ich endlich wo ich hin wollte.
Im Jahr 1810! Da hatte nämlich die Hauptstadt des "Reiches", Buenos Aires, endgültig genug von Spaniern - und Engländern, die sich nach dem Sieg über Spaniens Flotte bei Trafalgar nun auch in Südamerika einmischten. Sie sagte ¡Basta! und installierte ihre erste eigene Regierung.
Seitdem ist der 25. Mai Argentiniens Nationalfeiertag: el Veinticinco de Mayo.
Das ist nun 200 Jahre her, kein Wunder also, dass der "Bicentenario" zum großen Event in ganz Argentinien gestylt wurde.
Auch San Martin de los Andes feierte, mit großem Einsatz. An diesem Tag wurde mit der Zeremonie des nationalen Stolzes auch die neue Plaza San Martin eingeweiht, mit viel Gerede, Musik und heißer Schokolade für alle.
Soviel historische Bedeutung darf sich auch in den 'Photos of the week' bemerkbar machen: es gibt zwei "Serien" dazu.
Argentinien ist überall
04/05/10 19:10 Filed in: Segunda
Vida
Ob es an der Inflation liegt? Oder am dünnen Papier? Oder an den löchrigen Hosentaschen?
Es fehlen einfach überall die monedas - Moneten. Damit sind hier nicht nur die kleinen, dünnen Hilfstaler gemeint, für die man fast nichts mehr kaufen kann, sondern auch die ausgefransten Scheine mit einem Wert von 20 Pesos und darunter. Besonders der Zweier, der kleinste Lappen, fehlt eigentlich immer.
An vielen Kassen klebt deswegen ein Fetzen Papier auf dem steht: No hay monedas! Was soviel bedeutet wie: Kein Wechselgeld, kaufen auf eigene Gefahr! Wenn Du das Kleingeld nicht passend hast kostet's entweder mehr oder Du kriegst anstelle Kleingeklimper in weicher Währung eine Handvoll harte caramelos (Bonbons) heraus.
Im "cole" (-ctivo), dem öffentlichen Bus, funktioniert das natürlich nicht. El chofer (der Chauffeur - die französischen Einwanderer lassen grüssen) hat keine caramelos und wenn seine Fahrgäste keine monedas mitbringen hat er auch davon keine. Dass er komplett blank ist kommt allerdings selten vor. Irgendwelche Pesitos und Centavos kugeln immer irgendwo rum. Die richtigen zu finden ist die Kunst. Kommt jemand, sagen wir mit einem Fünfer, dann fängt das Suchen nach dem Dos Pesos meist in einem Bündel von Scheinen an, das mit einem Gummibändel zusammen gehalten wird und links im Lüftungsgrill unter der Scheibe klemmt.
Und weil das dauern kann, fährt Capitan Facundo schon mal los.
Danach geht's in das Bastkörbchen, ausgeschlagen mit einem Rest Wachstuch, neben dem Schaltstock. Dort tummeln sich die 5er, 10er, 25er, 50er Knöpfe und die silbrig umrandete Ein-Peso Münze. Mit wirbelnden Fingern versucht der conductor die richtigen herauszusortieren, schiebt mit der Fertigkeit eines Taschenspielers die Chips hin und her unterbricht seine Suche nur wenn er mal kurz schalten muss. Wenn auch das ohne passenden Fund blieb fingert er nach seiner privaten Geldbörse. Um dazu an seine Gesäßtasche zu kommen muss er sich leicht aus dem Sitz stemmen. Dass er das schafft ohne dass der Uralt-Mercedes auch nur eine Sekunde aus Takt oder Richtung kommt, beweist sein Talent im Multitasking: Das Herumstöbern nach Wechselgeld ist Subroutine, im Hauptprogramm manövriert er ja den klapprigen Bus. In einer Staubwolke mit Sicht nahe Null fädelt er ihn in den ungezähmten Verkehr auf der Ruta 234 ein. Kurz danach bremst er aus voller Fahrt wieder herunter und dirigiert den Veteran durch Fußgänger, Schulkinder, Radfahrer und Gauchos hoch zu Ross über das holprige Bankett zielsicher zum nächsten Haltestellen-Hüttchen. Alle diese Kunststückchen für den Preis eines "Langstrecken-Tickets" von 50 Schweizer Räppchen, das bekommt man sonst nirgendwo geboten.
Sicher nicht in Colorado, wo ich den öffentlichen (RTD) Bus immer benutze, wenn ich vom Denver International Airport hinaus nach Boulder fahre. Die Strassen sind alle top, der Verkehr wohlgeordnet, Pferde im Gegenverkehr unbekannt und Probleme mit der Sicht gibt's höchstens, wenn ein Blizzard genau dann loslegt, wenn ich schon gelandet aber noch nicht "zuhause" bin.
Es ist eben alles typisch "Primer Mundo" - Erste Welt: bestens organisiert im Vertrauen auf das perfekte Zusammenspiel von erstklassiger Infrastruktur und zuverlässiger Technik. Virtuoses Improvisieren wie es Facundo und seine Kollegen so gut beherrschen ist nicht gefragt.
Kleine Unregelmäßigkeiten führen da schon mal zu unerwarteten Komplikationen.
Wie bei meinem letzten Besuch.
Da war ich mit schwerem Gepäck unterwegs und hatte deshalb Fahrplan und -preis vorab recherchiert. Mit Rucksack am Rücken, Stativsack über der Schulter und Kameratasche und Koffer in den Händen wollte ich mir last minute trouble ersparen.
Der freundliche alte Herr am Schalter von Welcome to Colorado zeigte mir den Weg zur platform 6a, von wo mein Bus in 10 Minuten abfahren sollte. 18 Dollar einfach, bestätigte er und ja, ich kann beim Fahrer zahlen.
Pünktlich rollt RTD 816 an. "Boulder Turnpike, Louisville, Broomfield, Boulder last", damit will der driver Ordnung in die Gepäckver - und später -entladung bekommen. Wir reihen uns ein, zuerst draußen mit unseren Koffern, dann beim Einstieg mit unseren Dollars. Ich bin der letzte und reiche ihm meine 20er Note, die ich mir vorher in die Tasche gesteckt hatte. Ohne aufzusehen deutet er auf die kleine Maschine neben sich. Ich entfalte den Schein, schiebe ihn in den Schlitz, die Maschine zieht ihn rein, stößt ihn wieder aus. Ich probiere noch mal, diesmal Zahl nach oben: gleiches Resultat. Mister driver blickt auf: " Sorry, nur genauer Fahrpreis in Fünf-Dollar Noten oder kleiner! ". Habe ich nicht, ob er mir wechseln kann? Nein, erstens kann er nicht und wenn er könnte dürfte er nicht.
Was machen wir jetzt?
Ich habe eine Idee: " Kann ich beim Aussteigen zahlen? Ein Freund holt mich ab und hat es sicher passend?"
"Geht nicht! Wenn ein Kontrolleur kommt und Sie ohne Ticket erwischt zahlen Sie den Fahrpreis und 50 Dollar extra!"
Typisch Dienst nach Vorschrift.
Aber dann bietet er doch noch eine Art Kompromiss an: " Sie können mitfahren, aber auf eigenes Risiko!" Dieses Risiko gehe ich ein - andere Optionen sehe ich gerade nicht, nach 40 Stunden Reisezeit bröckelt meine spontane Kreativität gerade etwas ab.
Unsere Verhandlung hatte die Abfahrt leicht verzögert - kein Multitasking hier - und die Passagiere in den vorderen Sitzen aufmerksam gemacht. Eine Frau spricht mich an als ich mich auf einen der freien Plätze fallen lasse: "Fragen Sie doch mal rum, vielleicht kann Ihnen jemand wechseln!" " Ja, kommen Sie mal her, ich habe eine Menge Kleingeld!" meldet sich der, der zwei Reihen hinter ihr am Fenster sitzt. Er zieht ein Lederetui raus, in dem ein dickes Bündel Noten klemmt. Wir zählen die Kleinen und kommen genau auf 18 Dollar, zwei Fünfer und acht Einer. "Okay, zwei Dollar Wechselgebühr, kein Problem!", grinse ich ihn an als wir die Scheine tauschen.
Ich lege die Grünen sauber aufeinander und füttere die Maschine einmal mehr. Sie frisst den obersten Fünfer halb, den zweiten knabbert sie an, dann hat sie sich verschluckt und wimmert nur noch vor sich hin. Wieder rausziehen geht auch nicht, das Wimmern wird nur lauter.
Das hört auch der Fahrer und blickt irritiert herüber. "Oh Mann, erst können Sie nicht bezahlen und dann machen Sie mir auch noch den Apparat kaputt! Und jetzt?"
Er klopft an die Box, haut oben drauf und schaut mich verärgert an. Sie wimmert weiter.
Ich habe im Moment genug von der Primer Mundo, in der alles immer perfekt funktioniert.
" I'm sorry" bringe ich noch raus, dann schleiche ich zu meinem Sitz.
Und denke an Facundo und seine Wechselgeld-Probleme.
Argentinien ist überall, scheint mir.
Nur kommen damit nicht alle gleich gut zurecht.